Kanada & Cannabis

Der ein oder andere von euch weiß es wahrscheinlich schon: in Kanada ist es seit Oktober 2018 völlig legal zu kiffen – vorausgesetzt man ist mindestens 19 Jahre alt (in manchen Provinzen ist es auch schon ab 18 erlaubt). Die grünen Blüten kann man entweder in staatlich lizenzierten Abgabestellen erhalten oder man zieht sich die berauschenden Pflänzchen einfach selbst – zu Hause in der Growbox oder im eigenen Garten. Bis zu vier Pflanzen pro Haushalt sind erlaubt und man darf bis zu 30 Gramm der markant duftenden Blüten mit sich führen.

Warum wurde Cannabis in Kanada legalisiert?

Es gibt reichlich Gründe, weshalb Kanada als zweites Land weltweit (nach Uruguay in 2013!) den Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis legalisiert hat. Zum einen soll durch die Legalisierung der Schwarzmarkt verdrängt werden. Der Gewinn, den der Verkauf der Pflanzen abwirft, soll nicht länger in die Kassen von kriminellen Banden mit mafiösen Strukturen sondern stattdessen in die Staatskassen gespült werden. Zum anderen spart der Staat enorme Ressourcen ein, die er sonst für die Verfolgung und Überwachung der Kiffer sowie für die Vollstreckung von Strafverfahren aufwenden müsste. Die Cannabis-Legalisierung stellt für den Staatshaushalt also eine doppelte Gewinnmöglichkeit dar und die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass es funktioniert. Bereits jetzt – nicht einmal zwei Jahre nach der Legalisierung – ist der Umsatz auf dem legalen Markt höher als der auf dem Schwarzmarkt. Die dabei entstandenen Steuereinnahmen konnten beispielsweise erfolgreich für den Bau neuer Schulen eingesetzt werden. Und die Konsumenten müssen keine Angst mehr haben von der Polizei verfolgt zu werden.


Ein weiterer sehr bedeutender Grund für die Legalisierung liegt vor allem im Verbraucher- und Jugendschutz. Kinder und Jugendliche können auf einem legalen Markt besser geschützt werden, weil die offiziellen Cannabis-Fachgeschäfte sich an die Altersbeschränkung halten müssen, da ihnen sonst die Verkaufs-Lizenz entzogen würde. Außerdem wird der Verkauf an Minderjährige weiterhin strafrechtlich verfolgt. (Aktuelle Zahlen zeigen zudem, dass der Cannabiskonsum bei den Jugendlichen in Kanada auch nach der Legalisierung nicht angestiegen ist.) Auch die Verbraucher werden vor dem Konsum gefährlicher Streckmittel, Pestizide oder Düngemittel geschützt, da Anbau, Ernte und Vertrieb der Pflanzen staatlich überwacht wird. Zudem werden die Konsumenten auf einem legalen Markt viel besser über den Wirkstoffgehalt ihrer Blüten informiert, wodurch ihnen negative Erfahrungen durch zu hohe Dosierungen erspart bleiben können. Um das zu verstehen, muss man sich etwas mit den verschiedenen Wirkstoffen im Cannabis auskennen. Wen das interessiert – hier kleiner Exkurs.

Die zwei wichtigsten Wirkstoffe im Cannabis

Zu aller erst muss gesagt werden, dass es im Cannabis viele verschiedene Wirkstoffe -Cannabinoide genannt – gibt, von denen wegen der Prohibition nicht wirklich viel bekannt ist. (Ja ein Verbot erschwert eben auch die Erforschung von potentiell wertvollen medizinischen Stoffen!) Aber einiges weiß man eben doch. Die zwei wichtigsten Cannabinoide heißen CBD und THC.

Tetrahydrocannabinol – kurz THC ist der Wirkstoff, der hauptsächlich für das Rauscherlebnis verantwortlich ist. Aus diesem Grund wurden von den bereits genannten kriminellen Banden über die Jahre hinweg Pflanzen mit einem immer höheren THC-Anteil gezüchtet. So konnte man auf den illegalen Anbauflächen immer mehr THC anbauen ohne die Flächen dabei vergrößern zu müssen. Gewinnmaximierung eben. Problematisch daran ist, dass THC auch im Verdacht steht psychotische Störungen auszulösen. So kann der Konsum von hochdosiertem Cannabis auch schnell zu einem paranoiden Trip führen. Soziale Angstzustände und Depressionen sind bekannte Nebenwirkungen.

Hier kommt der zweite wichtige Wirkstoff – das CBD (Cannabidiol) – ins Spiel. Dieser fungiert nämlich als Gegenspieler zum THC. Er wirkt angstlösend, beruhigend, entspannend und im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv – also auch nicht berauschend. Bei der Züchtung ihrer High-Performance-Pflanzen haben die Kriminellen aber natürlich nicht auf ein ausgewogenes Verhältnis von CBD und THC geachtet. Ihnen ging es nur um die psychoaktive Komponente in den Pflanzen und so wurde der THC-Anteil in den Pflanzen immer höher, der CBD-Anteil immer geringer und der Konsum somit immer gefährlicher. Durch die Legalisierung wird dieser Entwicklung entgegengewirkt und die Konsumenten können mittlerweile sogar Blüten mit verschwindend geringen THC-Anteilen erhalten. Beim Konsum dieser Blüten wird eben kein Rausch ausgelöst – stattdessen ist die Wirkung eher mit der eines Entspannungstees zu vergleichen.

Beide Wirkstoffe werden übrigens bereits seit längerem recht erfolgreich in der Medizin eingesetzt. Während THC aufgrund seiner schmerzlindernden Wirkung vor allem für Schmerzpatienten verschrieben wird, kommt die angstlösende Wirkung von CBD vor allem den psychisch Erkrankten zu Gute. Ob es weitere Einsatzgebiete gibt, wird bereits in verschiedenen medizinischen Studien untersucht und auch über die Wirkung der vielen anderen Cannabinoide und ihr Zusammenspiel mit den ebenfalls im Cannabis enthaltenen Terpenen wird zur Zeit geforscht. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sich daraus noch weitere Einsatzgebiete für Cannabis als Medizin ergeben. Auch hier steht ein Verbot von Cannabis der dafür dringend benötigte Forschung nur im Wege.

Haben wir es probiert?

Natürlich. Da wir in Elliot nicht genug Platz für eine eigene Growbox hatten, führte uns unser Weg unweigerlich in einen der beliebtesten Cannabis Stores in Vancouver. Der Laden war von außen sehr unscheinbar und auch der Name Village Bloomery verriet (zumindest auf den ersten Blick) nicht viel über die Art des Geschäftes. Nachdem wir eingetreten waren, mussten wir als erstes unsere Ausweise zeigen, da der Zutritt Minderjährigen untersagt ist. Gleichermaßen wird übrigens auch beim Verkauf von Alkohol vorgegangen, der genauso nur in speziellen Geschäften erhältlich ist (zumindest im Westen des Landes). Jeder und wirklich jeder, der jünger aussieht als 80 muss erstmal seinen Ausweis vorzeigen und erst dann darf er sich umsehen. So haben wir uns dann auch erstmal im Laden umgesehen und waren etwas verdutzt, denn von Cannabis war nichts zu sehen. Optisch glich das Geschäft eher einer kleinen Boutique für Kosmetik oder Parfüme. Alles war sehr schlicht und unscheinbar. Die Waren sind nicht sichtbar hinter verschlossenen Türen gelagert und Informationen über die angebotenen Sorten erhält man aus einer kleinen Broschüre an der Ladentheke. Dort hat uns eine junge Kanadierin über die verschiedenen Sorten und deren Wirkung informiert. Die Sorten waren nach Herkunft (Indica also indischer Hanf und Sativa also gewöhnlicher oder echter Hanf) getrennt und nach Wirkstoffgehalt (THC und CBD) sortiert aufgelistet. Da wir von der großen Auswahl etwas erschlagen waren, haben wir uns kurzerhand für je eine Sorte nach Herkunft und einen Hybriden entschieden. Die merkwürdigen Prozentangaben über die Wirkstoffanteile von CBD und THC hatten wir vorerst ignoriert. Doch nach unseren ersten Kiffsonntagen sind wir uns sicher, die Herkunft der Pflanzen spielt im Rauscherlebnis die untergeordnete Rolle – ausschlaggebend ist der Wirkstoffgehalt! Der Hybrid mit deutlich höherem CBD-Anteil löst bei uns einen viel angenehmeren Rausch aus als die anderen zwei Sorten (ok die hatten auch 0% CBD). Im Laufe unserer Reise durch Kanada ist uns das grüne Pflänzchen immer wieder mal begegnet und niemals schien jemand Probleme damit zu haben.
Auf den Highways wird mit großen Schildern für die jeweilig ortsansässigen Cannabisläden geworben und auch innerhalb der Ortschaften findet man immer wieder lustige Anspielungen auf das berauschende Grüne. Als wir während unseres ersten Workaways von unseren Nachbarn – beide längst im Ruhestand – zum Dinner eingeladen wurden, staunten wir nicht schlecht, als jeder in lockerer Runde über seine Rauscherfahrungen mit Cannabis erzählte. Zum Einschlafen und Entspannen wurde es am liebsten benutzt und nicht geraucht sondern in Form von Gummibärchen, da es sich gesünder anfühle und nicht so schmuddelig sei.

Legalisierung in Deutschland?

Trotz der 4 Millionen Cannabiskonsumenten in Deutschland gibt es noch keine Mehrheit in der Bevölkerung, die sich deutlich für eine Legalisierung ausspricht. Nichtsdestotrotz ist die Tendenz der Zahl der Befürworter eindeutig steigend und möglicherweise wird aufgrund von guter Aufklärungsarbeit bereits 2021 eine Mehrheit erreicht. Auch politisch gesehen spricht immer mehr für die Legalisierung, denn die meisten Parteien sprechen sich stark für eine Legalisierung oder zumindest die Umsetzung von Modellprojekten aus. Lediglich die CDU/CSU stellt sich dem Ganzen noch heftig entgegen, weshalb wir im aufkommenden Cannabismarkt in Europa wohl keine Führungsrolle einnehmen werden. Schade eigentlich, denn wie wir in Kanada gesehen haben, würde eine Legalisierung viele neue Arbeitsplätze schaffen. Außerdem könnte mit einer Legalisierung endlich ein effektiver Schutz für die Verbraucher erzielt werden, da leider auch hierzulande immer wieder von mit synthetischen Cannabinoiden gestreckten Blüten berichtet wird. Solche synthetischen Cannabinoide können bei Überdosierung teilweise tödlich enden! (link)

Immerhin wurde aber im Jahr 2017 das „Cannabis als Medizin“ Gesetz beschlossen, welches es Patienten ermöglicht Cannabis von ihren Ärzten auf Rezept zu erhalten und die Kosten dafür von der Krankenkasse übernehmen zu lassen.

Wenn du auch möchtest, dass Deutschland sich Kanada zum Vorbild nimmt und eine Legalisierung voranbringt, dann unterstütze doch die Arbeit des Deutschen Hanfverbandes – dieser leistet hervorragende Aufklärungsarbeit und hat beispielsweise im Jahr 2017 die erfolgreichste Petition im Bundestag abgegeben, sodass der Petitionsausschuss über die Argumente für eine Legalisierung debattieren musste. Dadurch wurde die Wichtigkeit des Themas weiter in die Öffentlichkeit gerückt.


Hier geht’s zum Hanfverband: hanfverband.de

Mehr Infos und Fakten über Cannabis erfahrt ihr auf: cannabisfakten.de

Du willst weniger oder ganz aufhören zu kiffen? quit-the-shit.net

Am Lake Superior entlang

Von Manitoba geht’s Anfang September endlich nach Ontario. Wir müssen ein bisschen aufs Gaspedal drücken, denn wir haben Ersatzteile für unseren Propan-Ofen aus den USA bestellt, die zurückgeschickt werden, sollten wir sie nicht bis zum 4. September in Thunder Bay abholen. Daher ist der erste Stopp in Ontario nur kurz, aber umso schöner. Kenora liegt am Lake of the Woods, der sich über die kanadischen Provinzen Manitoba und Ontario sowie den US-Staat Minnesota erstreckt. Landschaftlich erinnert uns die Gegend um Kenora an Vancouver Island, nur der Regenwald fehlt (okay und natürlich der Pazifik, ist klar). Dafür gibt es unendlich viele Seen, Buchten und felsige, mit grünen Moosen und gelblichen Flechten bedeckte Hügel, an die sich viele kleine (und große) Cottages anschließen. Viele der Einwohner Torontos haben hier in der Gegend ein Wochenendhäuschen, sodass im Sommer ziemlich viel los ist, während Kenora in den Wintermonaten in einen Tiefschlaf verfällt. Wir kommen noch vor dem Winterschlaf, so dass noch ein bisschen was los ist. Wir besuchen den wöchentlichen farmers market und machen eine schöne Wanderung entlang der schroffen Felsen der Tunnel Island.

Weiter geht’s nach Thunder Bay. Der 130.000-Einwohner-Ort liegt absolut isoliert: Von Manitobas Hauptstadt Winnipeg (wo wir übrigens zum ersten Mal Pommes mit Essig und Salz gegessen haben – und holla, das ist mal richtig gut!) sind es bis nach Thunder Bay mehr als 700km – und bis zur nächsten größeren Stadt Sault St. Marie (von Einheimischen „The Soo“ genannt) ist es nochmal ein bisschen länger. Wir werden in Thunder Bay viel länger bleiben, als ursprünglich gedacht. Ungeplante Dinge passieren, wir müssen uns neuorganisieren, arbeiten, auf Postbestellungen warten, Elliott reparieren. So ziehen 3 Wochen ins Land, bevor wir weiterfahren können. Als wir endlich wieder on the road sind, ist Elliotts Wassertank frisch gefüllt, unser Furnace funktioniert wieder (was wichtig ist, denn es geht straight auf den Oktober zu und die Temperaturen fallen bereits unter null) und wir haben viel Essen und Bier an Board. Perfekt also, um uns nach den 3 stressigen Wochen in Thunder Bay zu entspannen und aus der Großstadt zurück in die Natur zu fliehen.

Und das machen wir auch: am Highway 17 geht es immer entlang an der Küstenlinie des Lake Superiors, Berg auf und Berg ab, sodass Elliott zwischenzeitlich ganz schön schnauft. Die Aussicht auf den riesigen See, der wie der Name vermuten lässt, zu den Great Lakes gehört, ist wunderschön. Die Great Lakes liegen sowohl in Kanada als auch in den USA. Den Lake Superior teilen sich die beiden Länder. Wie uns später erzählt wird, würde Belgien ganze 3 Mal in voller Größe in den See passen und auch wenn Freunde anderer Meinung waren, ist er flächenmäßig der größte See der Welt ist. Das steht so auf Schildern im gleichnamigen Lake Superior Provincial Park (und auf Wikipedia), unserem ersten Stopp nachdem wir Thunder Bay verlassen haben. Der Lake Superior weist aufgrund seiner Fläche einige klimatische Besonderheiten auf. So fungiert er als „the world’s largest air conditioner“, also als die größte Klimaanlage der Welt. Da er im Sommer die umliegende Gegend abkühlt, haben es arktische Pflanzenarten geschafft, nach dem Ende der Eiszeit an der Küste des Sees zu überleben. So findet man z. B. den weißblühenden Urgesteins-Steinbrech (ich hoffe mal, dass das die richtige Übersetzung ist), der normalerweise erst mehrere hundert Kilometer nördlich wächst. Aufgrund der Kälte sind die Bäume rund um den See klein und verkrüppelt und wachsen nur langsam. Im Herbst wärmt der See hingegen seine Ufer und angrenzenden Wälder auf, sodass die Birken sich später als in der restlichen Provinz herbstlich färben und die Blätter fallen lassen. Auch Blaubeeren kann man bis zum frühen Oktober finden und ernten – wir sind da allerdings nicht so erfolgreich.

Für Jahrhunderte – und bis in die Gegenwart hinein – hat der Lake Superior eine große Bedeutung für die Frist Nation der Anishnabe. Früher mehr als heute hing ihr Leben hinsichtlich Nahrung, Fortbewegung und Kleidung vom Chigaaming – dem Ojibway Wort für den See – ab.  Der See stellte mit seinem Überfluss an Forellen und Whitefish eine wichtige Nahrungsquelle da, und in seinen umliegenden Wäldern sammelten die First Nations Beeren und Wurzeln und jagten Wild. Heute dient der See weniger als Nahrungsquelle, doch er hat seine große Bedeutung als Ort für Zeremonien und Spiritualität der Anishnabe behalten.

Wir unternehmen ein paar Wanderungen im Park. Es ist bereits herbstlich kühl und nass, sodass außer uns kaum Menschen da sind. Chrissi traut sich und geht bei einer Wassertemperatur von 13 Grad tatsächlich baden – hätten wir eine Dusche im Van, wäre es wahrscheinlich nicht dazu gekommen. Doch weil wegen Covid alle öffentlichen Duschen und Pools geschlossen sind, müssen wir eben Alternativen finden. Und das bedeutet: entweder draußen mit der Outdoor Dusche duschen (was ich mache, denn so kann ich zumindest vorher ein bisschen Wasser auf dem Herd erwärmen und muss nicht ganz kalt duschen) – oder eben wie Chrissi in einen arschkalten See springen. Ich ziehe meinen imaginären Hut. Wir fahren weiter. Der Provincial Park zieht sich für knapp 50 km am Highway entlang, sodass man einfach stoppen kann, wo es einem gefällt, aber im Zweifel denselben Weg zurückfahren muss, wenn man was übersehen hat. So kommt es auch, dass wir eine ganze Weile nach den historischen Piktogrammen suchen, zu denen eigentlich eine eigene Straße führt und die zu den Hauptattraktionen des Parks gehören. Wir können aber den Eingang nicht finden und sind verwirrt. Schließlich sehen wir es: Die Straße zu den Felsmalereien ist gesperrt. Ich ignoriere das Schild einfach mal und fahre die enge kurvige Straße gut 3 Minuten entlang. Als wir auf dem Parkplatz ankommen, platzen wir mehr oder weniger in ein Fest der First Nations. Tippis sind aufgebaut, überall stehen Zelte und Pavillions, Lagerfeuer qualmen vor sich hin und auf einem zentralen Platz steht auf einer Wiese sogar eine Schwitzhütte. Ups, denke ich mir, das war ja jetzt nun nicht so der Plan. Mir ist es ziemlich unangenehm, dass wir da einfach so reinplatzen und ich will am liebsten gleich wieder umdrehen – zumal wir ja bewusst ignoriert hatten, dass die Straße gesperrt war. Doch Chrissi fragt die Leute, die sich herzlich wenig dafür interessieren, als wir mit Elliott angeröhrt kommen. Und ihnen ist es ebenso egal, ob wir uns die Felsmalereien anschauen. So hoppeln wir dann schließlich doch relativ schnell den steilen Pfad zur großen Felswand hinab, die direkt an der Wasserkante des Sees vertikal aufsteigt. Nur bei gutem Wetter kann man die enge Stelle zwischen Wand und Wasser überhaupt betreten. Bei Wellengang würde es nicht lange dauern, bis man im Wasser landet – und bei starken Wellen wieder aus den kalten Fluten herauszukommen, ist so eine Sache für sich. Laut den überall rumstehenden Warnschildern sei es wohl auch schon zu Todesfällen gekommen. Ob das stimmt, wissen wir nicht, auf jeden Fall bewirken die Schilder, dass wir vorsichtiger sind. Doch der See liegt an diesem Abend spiegelglatt vor uns, nicht mal ein leises Lüftchen weht. Und so können wir in aller Ruhe die Felsmalereien bestaunen, die von den First Nations vor mehr als 400 Jahren mit roter Farbe auf die Felswand gezeichnet wurden. Wir sehen Jäger, Kanus, Fische, Caribous und sogar eine Art Dinosaurier (?!) – zumindest könnten wir uns nicht erklären, welches Tier das sonst sein sollte. Es ist beeindruckend. Und als möchte die Natur nochmal eins drauflegen, taucht die untergehende Abendsonne alles in ein goldenes Licht.

Nun aber schnell zurück zum Bus, denn wir haben nicht vor, mit Elliott im Dunkeln zu fahren. Das war gleich das Erste, was uns von einem Mann an der Tankstelle in Thunder Bay eingebläut wurde: Fahrt niemals in der Dunkelheit, wenn ihr es vermeidet könnt – denn gegen ein Moose auf der Straße hat selbst ein 3-Tonnen-Van keine Chance. Das gefährliche an einer Elchbegegnung in Kanada in der Nacht ist, dass die Augen der Tiere im Scheinwerferlicht nicht reflektieren und man dadurch das Tier zu spät bemerkt, um noch rechtzeitig zu reagieren. Chrissi glaubt übrigens nicht, dass das stimmt, obwohl es uns zwei Kanadier unabhängig voneinander erzählt haben. Jedenfalls sind die Viecher so groß, dass die Überlebenschance eines solchen Unfalls sogar größer ist, wenn man mit einem kleinen Auto unterwegs ist und sozusagen unter den Beinen des Elchs durchschlippt (das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben formuliert, denn auch die kanadischen Elche sind keine 10 Meter hoch, aber ihr wisst, was ich meine).

Da ich aber denke, auf iOverlander einen richtig schönen Fleck zum Parken für die Nacht gefunden zu haben, fahren wir doch noch im Dunkeln und ich bin ziemlich angespannt. Denn gerade hier in der Gegend, wo die Städte hunderte Kilometer voneinander entfernt liegen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Moose unseren Weg kreuzt. Und Elliotts Bremsen sind auf jeden Fall nicht so gut, als dass wir bei 80 km/h noch rechtzeitig stoppen könnten. Doch alles geht gut und wir biegen an der Pancake Bay auf einen kleinen Crown Land Spot direkt am Ufer des Sees mit einem Kiesstrand ab. Da es bereits stockdunkel ist, gestaltet es sich erstmal ein bisschen schwierig, einen Stellplatz zu finden – denn außer uns stehen da noch ein weißer Sprinter und ein weinroter Volkswagen T3. Und dann ist da noch was, hinter den Büschen, direkt am Ufer. Etwas Gewaltiges. „Jeeeesus, Chrissn – komm mal her, das musst du dir angucken! Das Ding ist riesig!“, ich winke Chrissi zu mir rüber, und weise auf das dunkelgrüne Biest hin: Ein US-Armytruck mit einem Schiffscontainer als Wohnzelle. Allein der Eingang, der über eine steile Treppe zu erreichen ist, ist höher als ich groß bin. Ich wende mich wieder Elliott zu, denn so können wir nicht stehen bleiben, mitten in der Mitte dieses kleinen Platzes. Dann kommt der Besitzer des Biests. Mike. Und er meint, dass wir uns einfach vor ihn stellen sollen, mit Elliotts Gesicht zum See. Also Premiumspot. Da sagt man natürlich nicht nein. Also parken wir und lernen dann auch gleich die Girls aus dem T3 kennen. Sie kommen aus Montreal (und wir haben leider ihre Namen vergessen). Wie schön das ist, denke ich mir, endlich mal wieder neue Leute kennenlernen. Denn das ist leider dieses Jahr dank Covid wirklich auf der Strecke geblieben. Also organisier ich uns mal fix ein Lagerfeuer und keine 15 Minuten später sitzen wir zu fünft ums Feuer. Die Guys aus dem Sprinter haben sich leider nicht nochmal gezeigt. Die Nacht ist lang und gefüllt mit Reisegeschichten, Vanlifestories und Erinnerungen. Es ist wahnsinnig schön. Am nächsten Morgen beschließen wir, nicht weiterzufahren und stattdessen das ganze Wochenende mit Mike und den Mädels zu verbringen. Wir fahren zur nächsten Tankstelle, die eine Lizenz zum Alkoholverkauf hat und decken uns mit Wein ein. Als wir zurück sind, meint Mike, dass er nicht denkt, dass die T3-Girls von ihrem Trip in den Provincial Park zurückkommen. Und er soll recht behalten. Doch Reisende soll man nicht aufhalten und es dauert nicht lang, bis neben uns ein weißer Pickup-Truck und ein graues Auto anhalten. So lernen wir Bailey und Adria kennen, zwei Mädels aus Ontario, die ebenfalls (wie gefühlt jeder) auf dem Weg in Richtung Westen sind. Wir haben wieder einen wunderbaren Abend am Lagerfeuer und die Nacht wird sogar noch ein bisschen wilder, als Elliott zum Club wird. Wir chillen in Arnold, dem grünen Army-„Van“ (es ist mehr ein Haus auf Rädern) und sind so glücklich, diese Menschen hier gefunden zu haben. Als wir uns am nächsten Morgen alle etwas zerknautscht verabschieden, hoffe ich, dass wir uns wiedersehen werden. Und das werden wir.

Logbucheintrag August 2020: Wir waren in der Wüste

Ja. Ihr habt richtig gelesen. Und so wirklich glauben können wir es selbst nicht. Aber auf Anfang: Wir verlassen Jackies Farm Mitte August. Eigentlich wollten wir nur knappe drei Wochen bleiben, am Ende werden es fast vier – so schön waren unsere großen Ferien in Saskatchewan. Aber es fühlt sich auch mehr als gut an, wieder on the road zu sein. Elliott ist hübsch lackiert und von allem Rost befreit, der Kühlschrank voll, Gas- und Wassertank sind aufgefüllt und es kann endlich wieder losgehen: Auf in den Osten. Oder zumindest erstmal in den Süden, denn so schnell wollen wir Saskatchewan nicht verlassen. Auf dem Weg in den Grasslands Nationalpark habe ich auf iOverlander, der App, über die wir die meisten unserer Stellplätze finden, etwas entdeckt, dass wir unbedingt sehen wollen: Mitten in der Prärie soll es riesige Sanddünen geben. Also nichts wie hin da. Das dauert natürlich mit Elliott und unserer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 70-80 km/h etwas länger und der erste Stop ist daher erst einmal der Manitou Lake. Dieser See hat fast ein so hohes Salzgehalt wie das tote Meer. Wir sind die einzigen am Stellplatz, nur herumliegender Müll und verwaiste Schaukeln zeigen, dass auf diesem verlassenen Public Land manchmal mehr los ist. Nach einer langen Nacht, in der wir die Sterne beobachten, treffen wir am nächsten Morgen beim Müllaufsammeln aka beach cleaning ein älteres Paar, dass einen Bisonschädel im See gefunden hat. Sie erzählen uns, dass das hier eigentlich heiliges Land der First Nation ist und wir staunen nicht schlecht, als der Wert des Bisonschädels auf 300-400 Dollar geschätzt wird. Wie alt der Schädel wohl sein mag, vergessen wir jedoch leider zu fragen.

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Wir fahren weiter. Die Landschaft verändert sich nun zunehmend: Wälder und Seen werden immer weniger, ab und zu sieht man noch ein paar Bäume, aber Bild beherrschend sind die endlosen Kornfelder. Irgendwo im nirgendwo zeigt das Navi dann an, dass wir abbiegen sollen. Wir rattern eine scheinbar endlose Schotterpiste ins Nichts entlang, kreuzen ein Texas Gate und fahren durch Steppe, kaum Vegetation gedeiht hier außer Gräsern auf sandigen Böden. Und der Sand ist auch der Vorbote, denn schließlich kommen wir an, an den Great Sandhills. Und ja, man mag es kaum glauben, aber hier ist wirklich mitten im Nirgendwo in Saskatchewan eine Art Mini-Wüste – mit immerhin bis zu 8 Meter hohen Dünen. Wir klettern die Dünen hinauf, tauchen die nackten Zehen ein, lassen den feinen Sand durch unsere Finger rinnen – und sind wieder einmal maßlos erstaunt, welche Artenvielfalt dieses Land doch zu bieten hat. Noch vor ein paar Wochen waren wir in den Rocky Mountains mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Chrissi ist sogar noch durch die Schneereste auf mehreren tausend Höhenmetern gewandert – und jetzt stehen wir Ende August mit den Füßen im Sand auf einer Düne, die eher vermuten lässt, wir wären in einem südlichen Land. 

Obwohl es eigentlich verboten ist, bleiben wir über Nacht auf dem Parkplatz stehen – zu unwahrscheinlich scheint es uns auch, dass jemand hier mitten im Nirgendwo vorbeikommen würde. Wir lassen die Fenster offen und lauschen den nächtlichen Geräuschen. Die Stille ist von Grillenzirpen erfüllt, ab und an hört man einen Kojoten heulen. Der Nachthimmel ist wieder einmal unvorstellbar schön, Milliarden von Sternen glitzern über uns und wir sehen mindestens eine langsame Sternschnuppe. Ich weiß nicht mal, was ich mir wünschen sollte – so glücklich bin ich in diesem Moment.