Fazit nach einem Monat Vanlife: 5 Dinge, die ich gelernt habe

Hier kommen die 5 Dinge, die ich während unser ersten vier Wochen mit und in Elliott gelernt habe.

1. Es ist romantischer als es aussieht.

Natürlich war ich mir bewusst, dass die Instagram-Realität von #vanlife nicht so ganz der Wirklichkeit entsprechend wird – schon gar nicht der eines nasskalten, grauen, verregneten kanadischen Winters in der Nähe von Vancouver.

Dennoch habe ich mir unser neues Leben im Bus ziemlich romantisch ausgemalt: Lichterketten im Bus, idyllische Stellplätze am Ozean, lauthals Musik hören und die Spotify-Playlist rauf- und runtergrölen, Blick auf den Ozean beim Öffnen der Heckklappe, mit anderen Van-Reisenden am Lagerfeuer sitzen und frühmorgens heißen Kaffee trinken und aus beschlagenen Scheiben Wildtiere beobachten. Tja – ich muss sagen: manches hat sich bewahrheitet – das meiste aber (bis jetzt noch) nicht.

Das liegt höchstwahrscheinlich am bereits erwähnten kanadischen Winter, der uns hier jeden zweiten Tag mit Regen begrüßt. Dennoch entwickelt man nach dem ersten Monat im Bus so langsam eine feste Routine

Aufstehen, Kaffee kochen first, Frühstück zusammenschustern & im Stehen ohne Teller essen, um Geschirr zu sparen (und weil man keinen Tisch hat). Alles zusammenpacken & niet- und nagelfest befestigen, damit es beim Fahren nicht durch den Bus fliegt. Darauf hoffen, dass ein Klo in der Nähe ist – ansonsten den anderen dazu anspornen, schneller zu frühstücken & schneller zu packen.
Bei Regen: Entweder wieder hinlegen oder ab ins nächste Café/öffentliche Bibliothek, ein bisschen (am Blog) arbeiten.
Bei Sonne: in den nächsten Provincial Park fahren, spazieren oder wandern. Abends: Stellplatzsuche, Rotwein, viel zu aufwendiges Abendbrot für 1qm Küche kochen, Bücher lesen, Geschichten erzählen, schlafen.

Doch irgendwie auch ein bisschen romantisch, oder?

2. Irgendein Stellplatz ist ein Stellplatz.

Wie bereits erwähnt war ich so naiv zu glauben – danke Instagram für komplett unrealistische Erwartungen – dass wir immer und jeden Tag mit Elliott einen wunderschönen Stellplatz finden werden: am rauen Pazifik, unter hochhaushohen Tannen, zu Fuße eines Berges, mit Blick auf einen jadefarbenen See.

Dem ist nicht so. Ich würde sagen, rückblickend betrachtet haben wir die Nächte der vergangenen vier Wochen häufiger auf irgendwelchen hässlichen Walmart-, Home Depot- oder Starbucks-Parkplätzen verbracht, als in der freien Natur. Meistens mussten wir irgendwas in der Stadt erledigen, waren auf Durchreise, in einer Metropolregion sich aneinanderreihender Ortschaften oder wollten am nächsten Tag duschen oder arbeiten.

Innerhalb der Städte ist Overnight-Parking aber an unmöglich vielen Plätzen verboten – und auch unsere Karten-Apps machen die Suche oftmals nicht einfacher. Daher landen wir nicht selten abends übermüdet auf Parkplätzen großer Konsumtempel. Nicht schön. Aber immerhin gibt’s dann abends Wifi und Netflix.

3. Thank God for Recreation Center.

Die elementarste Frage, die sich stellt, wenn man im Bus lebt, ist – wie kann es anders sein – „Wo und wie kann ich duschen?“ Diese Frage wird umso drängender, je länger die letzte Säuberung des Körpers mit Frischwasser zurückliegt und auch der Partner sich bereits von einem wegdreht. Im Sommer könnte biologisch abbaubares Duschbad und ein See oder eine Campingdusche Abhilfe schaffen. Diese Aussicht erscheint uns allerdings bei Minusgraden wenig verlockend. 

Da die Haare aber nicht dauerhaft vor Fett von alleine stehen sollen & ich im Gammellook abends auch nicht unbedingt die Pub-Kultur British Columbias erkunden möchte, müssen Alternativen her:

Unsere erste Idee war die scheinbar obligatorische Mitgliedschaft im Fitnessstudio – natürlich ohne die Sportgeräte jemals nur zu berühren. Die ist in Kanada aber nicht gerade billig, vor allem weil man eine Kette finden muss, die möglichst großflächig im ganzen Land vertreten ist. Zur Zeit haben wir Gott sei Dank eine andere – und bessere – Möglichkeit gefunden. In British Columbia gibt es in beinahe jeder Stadt Recreation oder Aquatic Center. Diese öffentlichen Freizeitzentren haben in der Regel ein Schwimmbad mit Hot Tub, meist ein Dampfbad und manchmal sogar eine Sauna (ein kleines Fitnessstudio ist oft auch mit angeschlossen). Für alles zahlt einen einmaligen Eintritt von 5 bis 7 CAD, also um die 3 bis 5 Euro. Wir haben sogar schonmal nur 2 CAD bezahlt und fragen häufig auch nur explizit nach einer Dusche, was dann nochmal sehr viel weniger kostet.

Nach einem Tag mit kalten Winterwanderungen (oder auch einfach 3 Tagen ohne duschen) ist das der Himmel auf Erden.

4. Starbucks wird dein neuer Place to be.

Ich persönlich war sehr lange Zeit kein Freund dieser (Beschreibung von Google) „kultigen Kaffee-Kette aus Seattle“. Mehr noch: Ich fand Starbucks echt bescheuert. Kaffee für 5 Euro in nem Plastikbecher mit Strohhalm? Nee danke, brauch ich nich‘.

Tja, und dann kam Kanada. In den letzten Wochen wurde Starbucks zu unserem 2. Zuhause: freies W-Lan, es ist warm, der Kaffee schmeckt wirklich gut (und im Gegensatz zu Deutschland zahlt man auch nicht 5 Euro für eine Tasse) und du kannst so lange sitzen bleiben, wie es dir gefällt, auch wenn du nur ein Getränk kaufst. 

Wenn man im Van lebt, ist die Suche nach freiem Internet eine Lebensaufgabe. Zwar haben wir uns eine kanadische Handynummer mit mobilem Datenvolumen gekauft, das ist aber a) nicht gerade günstig hier und b) haben wir es direkt mal innerhalb von 2 Wochen aufgebraucht. Für Recherchen nach Jobangeboten, Kontakt nach Hause, dem Blog und nicht zuletzt unserer Arbeit brauchen wir aber Internet. Daher verbringen wir zur Zeit wirklich viel Zeit in der Caféhauskette – gut, dass es selbst in einer Stadt mit rund 100.000 Einwohnern mindestens 15 Läden gibt.

Das einzige, was mir weiterhin missfällt: der Laden scheint überhaupt keine wiederverwendbaren Kaffeetassen zu haben? Oder weshalb bekommt man echt jedes Getränk in Papp- oder Plastikbechern?

5. Geh. Abends. Nochmal. Aufs. Klo.

Die drängendste Frage noch bevor „Wo kann ich duschen?“ ist: „Wo zum Teufel ist das nächste Klo?“. Auch diese Frage drängt sich einem wahrscheinlich nicht so dermaßen rabiat auf, wenn man mit seinem Bus die meiste Zeit in der Wildnis unterwegs ist und einfach hinter die nächste Hecke verschwinden kann. Da wir aber die vergangenen Wochen und Nächte aufgrund der Witterungsverhältnisse, unseren Tagesplänen und Elliotts Unzuverlässigkeit zum großen Teil in Städten verbracht haben, kann sich das Ganze schon schwieriger gestalten – vor allem dann, wenn man morgens mit voller Blase auf einem vollen Parkplatz mitten in der Stadt aufwacht

Natürlich ist der nächste Laden mit Toilette hier nie weit, denn die Kettenläden reihen sich wie am Schnürchen aneinander. Trotzdem ist es schön, zumindest noch einen Kaffee trinken zu können, anstatt am helllichten Tag im Schlafanzug mit Zahnpastaflecken und von Schlaf verkrusteten Augen in den nächsten Walmart zu laufen. Daher gilt: Unbedingt am Abend davor nochmal aufs Klo.