Macht mich das hier glücklich?

Über die Suche nach dem Sinn dieser Reise und dem Zeitpunkt, mir selbst etwas einzugestehen.

Was ist eigentlich los mit mir, frage ich mich, als mir schon wieder alles zu viel wird. Ich schüttle den Kopf, während ich versuche, die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln. Es ist doch gar nichts, reiß dich zusammen, Sophie, sagt die Stimme in meinem Kopf. Es war auch eigentlich gar nichts, bis plötzlich die Geräusche um mich herum anschwollen und immer lauter wurden. Sie prasseln von überallher auf mich ein und ich halte es nicht mehr aus. Doch hier ist es nicht laut. Ich sitze in einer Bibliothek.

Irgendwie geht das so nicht mehr weiter. Was hat das zu bedeuten – für mich, für diese Reise, für uns? Mir war vor der Reise klar, dass es einige Momente geben wird, die mir nicht leicht fallen werden. Aber für wen ist es das schon? Gehört doch irgendwie dazu, zu dem eigenen persönlichen Entwicklungsprozess, auch die Hürden zu nehmen und sich seinen Ängsten zu stellen. Weg aus deiner Komfortzone, weg von deinen Freunden, Kollegen, deiner WG, der Stadt, in der du die letzten Jahre zu Hause warst. Weg von der besten Freundin, die gerade erst nach einem Jahr von ihrer Europareise zurückgekehrt ist. Weg gehen, obwohl ein Teil von dir bleiben möchte. 

Vielleicht Ansätze, Erklärungsversuche, warum mir der Anfang hier so schwer fällt. Aber doch nichts, was mich nachvollziehen lässt, warum ich so sehr schwanke. Ich bin aus dem Gleichgewicht. Ich streite so viel und fühle mich danach unendlich leer. Bin so erschöpft, dass ich den ganzen Tag schlafen könnte. Will lieber arbeiten, anstatt die Gegend zu erkunden, weil ich mich dann sicher fühle. Wie ein Stück zu Hause. Aber zu Hause? Du hast keins mehr, sagt die Stimme in meinem Kopf. Du hast deine Wohnung gekündigt, die Möbel eingelagert, dich verabschiedet, die Leinen gekappt. Du kannst nicht einfach so zurück. Du wolltest doch auf Stopp drücken für die nächsten 12 Monate, einlassen auf etwas Neues, nichts planen, alles auf dich zu kommen lassen, mit Kopf und Herz eintauchen und alle Erfahrungen aufsaugen. 

Ja. Ich wollte das. Doch es ist anders gekommen. Die Zeit rennt an mir vorbei, weil ich es nicht schaffe, die vielen Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Jeden Tag wache ich an einem anderen Ort auf, muss mich neu orientieren, mir jeden Tag ein neues Ziel setzen: Was will ich erleben? Was möchte ich sehen? Was brauche ich? Keine Zeit, richtig durchzuatmen. Überforderung. Alle Entscheidungen musst du selbst treffen, niemand nimmt sie dir ab.

Ja, aber genau aus diesem Hamsterrad wolltest du doch raus? 

Ich weiß nicht, wollte ich das? Gerade weiß ich nicht, was ich will. Ich bin müde und oft mit den einfachsten Entscheidungen vollkommen überfordert. Du musst die für mich treffen. Du musst mir selbst die Fritten bestellen, weil ich es nicht mehr hinbekomme. Weil sich beim Gedanken daran ein dicker Klumpen in meinem Hals bildet und das Wattegefühl zurückkommt. Und dann ist da dieser eine Donnerstag. An dem ich morgens aufwache und nicht weiß, weshalb ich aufstehen sollte. Mir fällt einfach kein Grund ein. Ich starre Löcher in die Luft und denke an nichts. Dabei kann man nicht an nichts denken. Doch in meinem Kopf ist nur Watte, Watte und Müdigkeit und dichter grauer Nebel. Ich fühle nichts. Und das macht mir eine Heidenangst. Gegen Abend lichtet sich der Nebel, die grauen Wolken verziehen sich und mein Kopf klart auf. Als ich draußen stehe und die Zigarettenglut von schweren Regentropfen beinahe ausgelöscht wird, kann ich zum ersten Mal an diesem Tag wieder tief atmen, ohne dass da etwas auf meine Brust drückt.

Ich fühle mich dazwischen. Nicht hier, nicht dort zu Hause – komme hier nicht an und bei euch nicht mehr mit.  


Ich hab lange überlegt, ob ich über diese Gedanken öffentlich schreiben soll. Doch hier geht es um mehr als um Heimweh. Depression auf Reisen. Wie wirkt das nach außen? „Sie ist gerade mal zwei Monate von zu Hause weg, sie soll sich mal zusammenreißen“. Doch das ist genau der Punkt, an dem wir uns drehen müssen. Über den wir sprechen müssen. Nicht nur für mehr Realität auf Social Media sein, sondern auch für mehr Realität auf Reisen, im Leben. Eintauchen in ein anderes Leben, jeden Tag an einem neuen Ort, neue Freundschaft schließen und sich wieder verabschieden – vielleicht ist das nichts, was mich auf Dauer glücklich macht. Ich weiß, wie privilegiert ich bin, diese Reise zu machen. Doch darum geht es nicht, denn das ist kein Grund, weshalb ich vorbehaltlos glücklich sein muss.

Nicht jeder muss längere Zeit im Ausland leben, um zu sich selbst zu finden. Wir sollten davon wegkommen, dass Reisen und lange Auslandaufenthalte für jeden die beste Entscheidung sind und die prägendsten Erfahrungen bieten. Weg davon kommen, Idealbilder auf Social Media erfüllen zu wollen, weg von dem gesellschaftlichen Druck, der damit verbunden ist. Du bist nicht spießig, ängstlich, schüchtern, faul, engstirnig, langweilig – nur weil dich eine solche lange Reise nicht glücklich macht. 

Doch dann ist da noch ein anderer Gedanke in meinem Kopf, der sich immer wieder dazwischen drängt. 

Kann es sein, dass du versucht, vor deinen Ängsten davonzurennen?

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