Grasslands Nationalpark – Sind wir noch in Kanada?

Bisons, Präriehunde, Antilopen, Kojoten, Klapperschlangen – äh, sind wir noch in Kanada? Ja! – Wenn auch ganz knapp. Im südwestlichen Saskatchewan liegt an der Grenze zu den USA der Grasslands Nationalpark mit einer für Kanada einmaligen Landschaft: Steppe, so weit das Auge reicht. Schon auf unserem Weg in den Süden merken wir, dass sich die Landschaft mehr und mehr verändert. Erstes mehr als eindeutiges Zeichen sind die Great Sandhills. Je weiter wir fahren, desto weniger Bäume sehen wir. Schließlich hört die grüne Vegetation ganz auf und wir sind umgeben von endlosen Weizenfeldern. Manche sind bereits in einem gestreiften orange-gelben Muster abgeerntet, auf den anderen brummen die riesigen Mähdrescher, doppelt so hoch wie Elliott. Die Sonne ballert unbarmherzig, von Schatten keine Spur. Zum Glück funktioniert unsere Klimaanlage – und ebenfalls zum Glück bleiben wir nicht liegen. Hier würde das Abschleppen wahrscheinlich ganz schön teuer werden, denn zwischen den wenigen Präriestädtchen liegen viele Kilometer schnurgerader Straße entlang endloser Prärie.  

Als es dunkel wird (die Sonne geht jetzt bereits gegen halb neun unter), kommen wir schließlich an. Wir parken den Van auf einem Parkplatz, von dem aus zwei Wanderwege starten. Wir sind müde von der langen Fahrt und schlafen schnell ein. Als wir morgens aufstehen, werden wir von einer ankommenden Parks Canada-Mitarbeiterin getadelt, dass wir hier nicht campen dürfen, da das Gebiet schon zum Nationalpark gehört. In den Nationalparks ist wild camping grundsätzlich nicht erlaubt, aber ab und an versuchen wir es trotzdem – einfach, um Geld zu sparen. Außerdem hätten wir nicht vermutet, dass an diesem Parkplatz im Nirgendwo wirklich jemand vorbeikommt. Naja, ist ja auch nicht weiter schlimm, denn wie immer sind die Kanadier auch dann nett, wenn man in Deutschland wahrscheinlich schon eine Strafe aufgebrummt bekommen hätte. 

Während Chrissi bereits im Morgengrauen einen der beiden Trails gelaufen ist, brauche ich erst einmal einen Kaffee, bevor wir auf den zweiten, etwas längeren Weg starten. Es ist aber eine gemütliche Runde von 4 Kilometern durch die Steppe und auf ein paar kleinere Hügel. Zwar würden wohl nicht wenige Menschen sagen, die Landschaft hier sei langweilig – doch uns verschlägt sie wieder einmal den Atem, denn wir können nicht so richtig fassen, dass wir immer noch in Kanada sind. So unterschiedlich sind Fauna und Flora hier im Vergleich zu den letzten Nationalparks, die wir besucht haben: Jasper und Banff. Während in den Rockies noch Schnee die Gipfel bedeckte und wir Grizzlies, Streifenhörnchen, Eichhörnchen, Hirsche und Rehe gesehen haben, sind die vorherrschenden Farben hier nicht grau, türkis, grün und weiß der Felsen, Gebirgsseen, Wälder und der verschneiten Gipfel, sondern ocker, beige, gelb und orange. 69 unterschiedliche Gräser wachsen hier, ein paar wenige Wildblumen stehen vertrocknet am Wegesrand. Es regnet hier grundsätzlich nur selten, doch ein Farmer erzählt uns, dass es dieses Jahr besonders schlimm sei. So traurig, wie das auch ist, ist es leider kein Wunder: Die Prärie zählt zu den am meisten durch den Klimawandel gefährdeten Ökosystemen der Welt.

Als wir von unserer kleinen Wanderung zurückkommen, sind wir trotz der gerade einmal 4 Kilometer schon ziemlich verschwitzt. Unbarmherzig knallt die Sonne auf uns. Schatten und etwas klimaanlagenkühle Luft bietet nur Elliott und so wird unser Tripp durch den Nationalpark zu einer Safari. Viele Wanderwege gibt es hier jedoch sowieso nicht und wenn, verlaufen sie durch die ziemlich gleich aussehende Steppe unter der prallen Sonne. Da es bereits im Schatten 26 Grad sind, verzichten wir auf weitere Wanderungen und fahren durch den Park. So ist dieser aber auch angelegt, denn die einzelnen Aussichtspunkte, Infotafeln und Attraktionen sind wie in jedem der kanadischen Nationalparks sowieso viel zu weit voneinander entfernt, als dass man einen solchen Park ohne Auto erkunden könnte.

Das erste, was wir auf unserer Safari sehen, sind Antilopen. Erst denke ich, es sind Rehe. Aber die hier haben keinen weißen Schwanz, was das Kennzeichen der verbreiteten whitetail deer ist, sondern einen weißen Hintern, was ziemlich lustig aussieht – denn als wir etwas näher rangehen, hüpfen zehn kleine weiße Hinterteile wie Flummies durch die Prärie in die nächste Senke, bis wir sie nicht mehr sehen. Auch beim nächsten Tier liege ich erst einmal falsch. Der ocker-weiße Vierbeiner hat aber auch wirklich etwas von einem Wolf. Es ist aber ein Kojote, der neben der Straße steht und sich die Pfote leckt. Wir denken kurz, dass er sich ernsthaft verletzt hat, da er auch hinkt. Aber dann läuft er nach ein paar Schritten normal weiter. Wahrscheinlich ist er nur in einen Kaktus getreten – ja, auch die gibts hier. Nach dem Kojoten kommen wir an einer Stelle mit ein paar Infotafel vorbei: Sie befinden sich in Dogtown. Und das ist nicht zu übersehen, auch wenn es sich natürlich nicht um normale Hunde handelt, sondern um Präriehunde, eine Art dickes Erdmännchen. Ihre Tunnelsysteme sind über kilometerweite Strecken verteilt und sie graben ihren Ausgang auch gerne mal in die Mitte der Straße, sodass man wirklich vorsichtig sein muss, um keins von ihnen zu überfahren. Aber auch, wenn die Präriedogs scheinbar immer bis zur letzten Sekunde warten, bevor sie in ihre Höhlen verschwinden, sind sie zum Glück jedes Mal schneller als der Bus. Am Ende der Safari wartet dann das eigentliche Highlight des Nationalparks auf uns – und wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir zumindest eins von ihnen sehen. Denn eigentlich ist die hier lebende Bisonherde im Moment nicht in dem Teil des Parks, in dem wir uns befinden. Doch ein alter Bisonbulle liegt entspannt in der Sonne, zu anstrengend scheinen ihm die langen Wanderungen seiner Kollegen in dieser Hitze. Und so können wir ein paar gute Fotos machen, ohne das majestätische Tier zu stören. Noch 1865 gab es in Saskatchewan übrigens 60 Millionen Bisons – nur ein Jahrzehnt später hatten die europäischen Siedler und Jäger den Bestand auf 500 (!) Tiere reduziert. Dieser unfassbare Eingriff in ein funktionierendes Ökosystem ging auch für die von den Bisons lebenden Menschen mit weitreichenden Konsequenzen einher. Für die First Nations lieferten die Bisons nämlich nicht nur Nahrung, sondern auch Material für ihre Kleidung und ihre Unterkünfte. So wuchsen auch die Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den Europäern immer stärker an und mündeten nicht selten in blutigen Konflikten.

Am Ende unserer Safari biegen wir auf den einzigen Campingplatz ab, der mitten im Nationalpark liegt. Zum ersten Mal seit unserem Besuch in Jasper im Winter haben wir einen Stellplatz mit Strom. Normalerweise wählen wir immer eine unserviced site, wenn wir auf einem Campingplatz sind, da diese ein paar Dollar weniger kosten und wir dank unseres Solarpanels sowieso autark sind. Hier liegt aber an allen Stellplätzen Strom an und das ist unser Glück – denn so können wir zum ersten Mal die zweite, große Klimaanlage in Elliott anwerfen. Und Himmel, das ist bei einer Außentemperatur von bestimmt 40 Grad die absolut beste Idee. Denn auch wenn draußen ein warmer Fön geht – der Van heizt sich dermaßen auf, dass man es ohne Fahrtwind und Klimaanlage kaum aushält. Mit der Klimaanlage auf unserem Dach sind es jetzt aber angenehme 20 Grad im Bus und auch die Mücken verlassen fluchtartig unser zu Hause. In der Nacht werden wir mit dem bisher vielleicht grandiosesten Sternenhimmel belohnt – auch wenn sich das mittlerweile über fast jede klare Nacht sagen lässt. Ich lade noch eine Sternenapp herunter und so sehen wir neben den wenigen obligatorischen Sternbildern, die wir beide kennen (und die sich ehrlich gesagt auf die beiden Wagen beschränken), noch zig andere – wie Cassiopeia, den Schwan, den Bärenhüter und den Adler. Und Polaris, die Milchstraße und den Mars. Und – und das finde ich besonders beeindruckend – nebeneinander Jupiter und Saturn. Ich wusste nicht einmal, dass man die beiden Planeten überhaupt mit bloßem Auge sehen kann – und wäre ohne die App im Unklaren geblieben. Noch ein paar Sternschnuppen zum Abschied von einem wunderschönen, wilden und einsamen Stück Erde – dem Grasslands Nationalpark. 

Logbucheintrag August 2020: Wir waren in der Wüste

Ja. Ihr habt richtig gelesen. Und so wirklich glauben können wir es selbst nicht. Aber auf Anfang: Wir verlassen Jackies Farm Mitte August. Eigentlich wollten wir nur knappe drei Wochen bleiben, am Ende werden es fast vier – so schön waren unsere großen Ferien in Saskatchewan. Aber es fühlt sich auch mehr als gut an, wieder on the road zu sein. Elliott ist hübsch lackiert und von allem Rost befreit, der Kühlschrank voll, Gas- und Wassertank sind aufgefüllt und es kann endlich wieder losgehen: Auf in den Osten. Oder zumindest erstmal in den Süden, denn so schnell wollen wir Saskatchewan nicht verlassen. Auf dem Weg in den Grasslands Nationalpark habe ich auf iOverlander, der App, über die wir die meisten unserer Stellplätze finden, etwas entdeckt, dass wir unbedingt sehen wollen: Mitten in der Prärie soll es riesige Sanddünen geben. Also nichts wie hin da. Das dauert natürlich mit Elliott und unserer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 70-80 km/h etwas länger und der erste Stop ist daher erst einmal der Manitou Lake. Dieser See hat fast ein so hohes Salzgehalt wie das tote Meer. Wir sind die einzigen am Stellplatz, nur herumliegender Müll und verwaiste Schaukeln zeigen, dass auf diesem verlassenen Public Land manchmal mehr los ist. Nach einer langen Nacht, in der wir die Sterne beobachten, treffen wir am nächsten Morgen beim Müllaufsammeln aka beach cleaning ein älteres Paar, dass einen Bisonschädel im See gefunden hat. Sie erzählen uns, dass das hier eigentlich heiliges Land der First Nation ist und wir staunen nicht schlecht, als der Wert des Bisonschädels auf 300-400 Dollar geschätzt wird. Wie alt der Schädel wohl sein mag, vergessen wir jedoch leider zu fragen.

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Wir fahren weiter. Die Landschaft verändert sich nun zunehmend: Wälder und Seen werden immer weniger, ab und zu sieht man noch ein paar Bäume, aber Bild beherrschend sind die endlosen Kornfelder. Irgendwo im nirgendwo zeigt das Navi dann an, dass wir abbiegen sollen. Wir rattern eine scheinbar endlose Schotterpiste ins Nichts entlang, kreuzen ein Texas Gate und fahren durch Steppe, kaum Vegetation gedeiht hier außer Gräsern auf sandigen Böden. Und der Sand ist auch der Vorbote, denn schließlich kommen wir an, an den Great Sandhills. Und ja, man mag es kaum glauben, aber hier ist wirklich mitten im Nirgendwo in Saskatchewan eine Art Mini-Wüste – mit immerhin bis zu 8 Meter hohen Dünen. Wir klettern die Dünen hinauf, tauchen die nackten Zehen ein, lassen den feinen Sand durch unsere Finger rinnen – und sind wieder einmal maßlos erstaunt, welche Artenvielfalt dieses Land doch zu bieten hat. Noch vor ein paar Wochen waren wir in den Rocky Mountains mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Chrissi ist sogar noch durch die Schneereste auf mehreren tausend Höhenmetern gewandert – und jetzt stehen wir Ende August mit den Füßen im Sand auf einer Düne, die eher vermuten lässt, wir wären in einem südlichen Land. 

Obwohl es eigentlich verboten ist, bleiben wir über Nacht auf dem Parkplatz stehen – zu unwahrscheinlich scheint es uns auch, dass jemand hier mitten im Nirgendwo vorbeikommen würde. Wir lassen die Fenster offen und lauschen den nächtlichen Geräuschen. Die Stille ist von Grillenzirpen erfüllt, ab und an hört man einen Kojoten heulen. Der Nachthimmel ist wieder einmal unvorstellbar schön, Milliarden von Sternen glitzern über uns und wir sehen mindestens eine langsame Sternschnuppe. Ich weiß nicht mal, was ich mir wünschen sollte – so glücklich bin ich in diesem Moment.