Hallo ihr Lieben!

Unser Blog befindet sich gerade im Umbau aber bald könnt ihr hier wieder stöbern und von unseren Geschichten lesen. Bitte habt solange Geduld mit uns.

Kanada & Cannabis

Der ein oder andere von euch weiß es wahrscheinlich schon: in Kanada ist es seit Oktober 2018 völlig legal zu kiffen – vorausgesetzt man ist mindestens 19 Jahre alt (in manchen Provinzen ist es auch schon ab 18 erlaubt). Die grünen Blüten kann man entweder in staatlich lizenzierten Abgabestellen erhalten oder man zieht sich die berauschenden Pflänzchen einfach selbst – zu Hause in der Growbox oder im eigenen Garten. Bis zu vier Pflanzen pro Haushalt sind erlaubt und man darf bis zu 30 Gramm der markant duftenden Blüten mit sich führen.

Warum wurde Cannabis in Kanada legalisiert?

Es gibt reichlich Gründe, weshalb Kanada als zweites Land weltweit (nach Uruguay in 2013!) den Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis legalisiert hat. Zum einen soll durch die Legalisierung der Schwarzmarkt verdrängt werden. Der Gewinn, den der Verkauf der Pflanzen abwirft, soll nicht länger in die Kassen von kriminellen Banden mit mafiösen Strukturen sondern stattdessen in die Staatskassen gespült werden. Zum anderen spart der Staat enorme Ressourcen ein, die er sonst für die Verfolgung und Überwachung der Kiffer sowie für die Vollstreckung von Strafverfahren aufwenden müsste. Die Cannabis-Legalisierung stellt für den Staatshaushalt also eine doppelte Gewinnmöglichkeit dar und die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass es funktioniert. Bereits jetzt – nicht einmal zwei Jahre nach der Legalisierung – ist der Umsatz auf dem legalen Markt höher als der auf dem Schwarzmarkt. Die dabei entstandenen Steuereinnahmen konnten beispielsweise erfolgreich für den Bau neuer Schulen eingesetzt werden. Und die Konsumenten müssen keine Angst mehr haben von der Polizei verfolgt zu werden.


Ein weiterer sehr bedeutender Grund für die Legalisierung liegt vor allem im Verbraucher- und Jugendschutz. Kinder und Jugendliche können auf einem legalen Markt besser geschützt werden, weil die offiziellen Cannabis-Fachgeschäfte sich an die Altersbeschränkung halten müssen, da ihnen sonst die Verkaufs-Lizenz entzogen würde. Außerdem wird der Verkauf an Minderjährige weiterhin strafrechtlich verfolgt. (Aktuelle Zahlen zeigen zudem, dass der Cannabiskonsum bei den Jugendlichen in Kanada auch nach der Legalisierung nicht angestiegen ist.) Auch die Verbraucher werden vor dem Konsum gefährlicher Streckmittel, Pestizide oder Düngemittel geschützt, da Anbau, Ernte und Vertrieb der Pflanzen staatlich überwacht wird. Zudem werden die Konsumenten auf einem legalen Markt viel besser über den Wirkstoffgehalt ihrer Blüten informiert, wodurch ihnen negative Erfahrungen durch zu hohe Dosierungen erspart bleiben können. Um das zu verstehen, muss man sich etwas mit den verschiedenen Wirkstoffen im Cannabis auskennen. Wen das interessiert – hier kleiner Exkurs.

Die zwei wichtigsten Wirkstoffe im Cannabis

Zu aller erst muss gesagt werden, dass es im Cannabis viele verschiedene Wirkstoffe -Cannabinoide genannt – gibt, von denen wegen der Prohibition nicht wirklich viel bekannt ist. (Ja ein Verbot erschwert eben auch die Erforschung von potentiell wertvollen medizinischen Stoffen!) Aber einiges weiß man eben doch. Die zwei wichtigsten Cannabinoide heißen CBD und THC.

Tetrahydrocannabinol – kurz THC ist der Wirkstoff, der hauptsächlich für das Rauscherlebnis verantwortlich ist. Aus diesem Grund wurden von den bereits genannten kriminellen Banden über die Jahre hinweg Pflanzen mit einem immer höheren THC-Anteil gezüchtet. So konnte man auf den illegalen Anbauflächen immer mehr THC anbauen ohne die Flächen dabei vergrößern zu müssen. Gewinnmaximierung eben. Problematisch daran ist, dass THC auch im Verdacht steht psychotische Störungen auszulösen. So kann der Konsum von hochdosiertem Cannabis auch schnell zu einem paranoiden Trip führen. Soziale Angstzustände und Depressionen sind bekannte Nebenwirkungen.

Hier kommt der zweite wichtige Wirkstoff – das CBD (Cannabidiol) – ins Spiel. Dieser fungiert nämlich als Gegenspieler zum THC. Er wirkt angstlösend, beruhigend, entspannend und im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv – also auch nicht berauschend. Bei der Züchtung ihrer High-Performance-Pflanzen haben die Kriminellen aber natürlich nicht auf ein ausgewogenes Verhältnis von CBD und THC geachtet. Ihnen ging es nur um die psychoaktive Komponente in den Pflanzen und so wurde der THC-Anteil in den Pflanzen immer höher, der CBD-Anteil immer geringer und der Konsum somit immer gefährlicher. Durch die Legalisierung wird dieser Entwicklung entgegengewirkt und die Konsumenten können mittlerweile sogar Blüten mit verschwindend geringen THC-Anteilen erhalten. Beim Konsum dieser Blüten wird eben kein Rausch ausgelöst – stattdessen ist die Wirkung eher mit der eines Entspannungstees zu vergleichen.

Beide Wirkstoffe werden übrigens bereits seit längerem recht erfolgreich in der Medizin eingesetzt. Während THC aufgrund seiner schmerzlindernden Wirkung vor allem für Schmerzpatienten verschrieben wird, kommt die angstlösende Wirkung von CBD vor allem den psychisch Erkrankten zu Gute. Ob es weitere Einsatzgebiete gibt, wird bereits in verschiedenen medizinischen Studien untersucht und auch über die Wirkung der vielen anderen Cannabinoide und ihr Zusammenspiel mit den ebenfalls im Cannabis enthaltenen Terpenen wird zur Zeit geforscht. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sich daraus noch weitere Einsatzgebiete für Cannabis als Medizin ergeben. Auch hier steht ein Verbot von Cannabis der dafür dringend benötigte Forschung nur im Wege.

Haben wir es probiert?

Natürlich. Da wir in Elliot nicht genug Platz für eine eigene Growbox hatten, führte uns unser Weg unweigerlich in einen der beliebtesten Cannabis Stores in Vancouver. Der Laden war von außen sehr unscheinbar und auch der Name Village Bloomery verriet (zumindest auf den ersten Blick) nicht viel über die Art des Geschäftes. Nachdem wir eingetreten waren, mussten wir als erstes unsere Ausweise zeigen, da der Zutritt Minderjährigen untersagt ist. Gleichermaßen wird übrigens auch beim Verkauf von Alkohol vorgegangen, der genauso nur in speziellen Geschäften erhältlich ist (zumindest im Westen des Landes). Jeder und wirklich jeder, der jünger aussieht als 80 muss erstmal seinen Ausweis vorzeigen und erst dann darf er sich umsehen. So haben wir uns dann auch erstmal im Laden umgesehen und waren etwas verdutzt, denn von Cannabis war nichts zu sehen. Optisch glich das Geschäft eher einer kleinen Boutique für Kosmetik oder Parfüme. Alles war sehr schlicht und unscheinbar. Die Waren sind nicht sichtbar hinter verschlossenen Türen gelagert und Informationen über die angebotenen Sorten erhält man aus einer kleinen Broschüre an der Ladentheke. Dort hat uns eine junge Kanadierin über die verschiedenen Sorten und deren Wirkung informiert. Die Sorten waren nach Herkunft (Indica also indischer Hanf und Sativa also gewöhnlicher oder echter Hanf) getrennt und nach Wirkstoffgehalt (THC und CBD) sortiert aufgelistet. Da wir von der großen Auswahl etwas erschlagen waren, haben wir uns kurzerhand für je eine Sorte nach Herkunft und einen Hybriden entschieden. Die merkwürdigen Prozentangaben über die Wirkstoffanteile von CBD und THC hatten wir vorerst ignoriert. Doch nach unseren ersten Kiffsonntagen sind wir uns sicher, die Herkunft der Pflanzen spielt im Rauscherlebnis die untergeordnete Rolle – ausschlaggebend ist der Wirkstoffgehalt! Der Hybrid mit deutlich höherem CBD-Anteil löst bei uns einen viel angenehmeren Rausch aus als die anderen zwei Sorten (ok die hatten auch 0% CBD). Im Laufe unserer Reise durch Kanada ist uns das grüne Pflänzchen immer wieder mal begegnet und niemals schien jemand Probleme damit zu haben.
Auf den Highways wird mit großen Schildern für die jeweilig ortsansässigen Cannabisläden geworben und auch innerhalb der Ortschaften findet man immer wieder lustige Anspielungen auf das berauschende Grüne. Als wir während unseres ersten Workaways von unseren Nachbarn – beide längst im Ruhestand – zum Dinner eingeladen wurden, staunten wir nicht schlecht, als jeder in lockerer Runde über seine Rauscherfahrungen mit Cannabis erzählte. Zum Einschlafen und Entspannen wurde es am liebsten benutzt und nicht geraucht sondern in Form von Gummibärchen, da es sich gesünder anfühle und nicht so schmuddelig sei.

Legalisierung in Deutschland?

Trotz der 4 Millionen Cannabiskonsumenten in Deutschland gibt es noch keine Mehrheit in der Bevölkerung, die sich deutlich für eine Legalisierung ausspricht. Nichtsdestotrotz ist die Tendenz der Zahl der Befürworter eindeutig steigend und möglicherweise wird aufgrund von guter Aufklärungsarbeit bereits 2021 eine Mehrheit erreicht. Auch politisch gesehen spricht immer mehr für die Legalisierung, denn die meisten Parteien sprechen sich stark für eine Legalisierung oder zumindest die Umsetzung von Modellprojekten aus. Lediglich die CDU/CSU stellt sich dem Ganzen noch heftig entgegen, weshalb wir im aufkommenden Cannabismarkt in Europa wohl keine Führungsrolle einnehmen werden. Schade eigentlich, denn wie wir in Kanada gesehen haben, würde eine Legalisierung viele neue Arbeitsplätze schaffen. Außerdem könnte mit einer Legalisierung endlich ein effektiver Schutz für die Verbraucher erzielt werden, da leider auch hierzulande immer wieder von mit synthetischen Cannabinoiden gestreckten Blüten berichtet wird. Solche synthetischen Cannabinoide können bei Überdosierung teilweise tödlich enden! (link)

Immerhin wurde aber im Jahr 2017 das „Cannabis als Medizin“ Gesetz beschlossen, welches es Patienten ermöglicht Cannabis von ihren Ärzten auf Rezept zu erhalten und die Kosten dafür von der Krankenkasse übernehmen zu lassen.

Wenn du auch möchtest, dass Deutschland sich Kanada zum Vorbild nimmt und eine Legalisierung voranbringt, dann unterstütze doch die Arbeit des Deutschen Hanfverbandes – dieser leistet hervorragende Aufklärungsarbeit und hat beispielsweise im Jahr 2017 die erfolgreichste Petition im Bundestag abgegeben, sodass der Petitionsausschuss über die Argumente für eine Legalisierung debattieren musste. Dadurch wurde die Wichtigkeit des Themas weiter in die Öffentlichkeit gerückt.


Hier geht’s zum Hanfverband: hanfverband.de

Mehr Infos und Fakten über Cannabis erfahrt ihr auf: cannabisfakten.de

Du willst weniger oder ganz aufhören zu kiffen? quit-the-shit.net

Unterwegs auf der größten Süßwasser-Insel der Welt

Von der Pancake Bay geht’s weiter am Lake Superior entlang. Wir essen die besten Apple Fritters der Welt in einer Tankstelle am Highway. Das ist ein süßes und wie der Name schon sagt frittiertes Gepäck mit Apfelstückchen und bestäubt mit Puderzucker. Nach der Zucker-Fett-Bombe geht’s weiter nach Sault St. Marie, einer so semi schönen Stadt, aber wenigstens finden wir eine spottbillige Tankstelle in einem Reservat der First Nations. Benzin ist in Kanada aber im Vergleich zu Deutschland sowieso viel günstiger: 1 Liter kostet umgerechnet etwa 0,60 Euro-Cent. Von „The Soo“ ballern wir die knapp 350 km bis zu unserem nächsten Ziel an einem Stück, immer entlang des Trans-Canada-Highways. Zwar ist der Lake Superior in St. Sault Marie sozusagen zu Ende, aber man muss nicht traurig sein: Die Fahrt entlang der Küste ist gesichert. Nicht weit hinter St. Sault Marie beginnt nämlich bereits der Lake Huron, der ebenso wie der Lake Superior zu den Great Lakes gehört.

Auf Manitoulin Island hoffen wir, unsere liebsten Slowenen Sandra und Andrej wieder zu treffen. Die wollen ihre Workaway Gastgeber vom letzten Jahr besuchen, bevor sie Ende Oktober nach anderthalb Jahren Kanadaabenteuer wieder nach Hause fliegen. Wir schaffen den langen Weg und kommen nach 5 Stunden Fahrtzeit erschöpft vor Manitoulin Island an. Wir wollen diese Nacht nicht mehr im Dunkeln auf die Insel fahren, sondern auf der direkt davor liegenden Goat Island auf auf einem Stück Crown Land stehen. Crown Land ist in Kanada öffentliches Land, dass jeder Kanadier frei benutzen kann, z. B. zum Jagen und Campen. Nicht-Kanadier brauchen eigentlich eine Genehmigung, aber wir zählen uns mittlerweile als Kanadier, also ist uns das wurscht. Meist sind die Crown Land Spots wunderschön gelegen, an Seen oder Buchten wie der Pancake Bay am Lake Superior. Auch ist es typisch, dass man meist allein ist und die Natur und die Ruhe für sich hat, denn die Spots liegen in ländlichen Regionen und der Anfahrtsweg ist manchmal etwas beschwerlich und erst nach langen Fahrten über mit Schlaglöchern gespickte Schotterpisten zu erreichen. Wir erwarten also mal wieder einen wunderbaren, kostenlosen Stellplatz direkt am Ufer des Lake Hurons, als wir auf der kleinen Goat Island ankommen. Ich habe den Spot wie fast immer über die App iOverlander gefunden. Doch ein paar Kilometer bevor Chrissi abbiegen soll, verschwindet die Markierung auf der Karte plötzlich. Häh? Was da jetzt los? Und tatsächlich, auch nach Beenden der App und sogar einem Neustart meines Telefons ist der Spot verschwunden. Es ist dunkel, Elliotts Scheinwerfer sind nicht der Rede wert – und wir finden diesen verdammten Spot nicht. Weil wir müde sind, parken wir an einer kleinen Bootsanlegestelle und bleiben dort für die Nacht, wir können morgen immer noch nach dem Crown Land Platz Ausschau halten. Der Platz ist nicht der schönste, der Highway ist nah, aber immerhin gibt es in der Nacht kaum Verkehr und es ist vergleichsweise ruhig. Außerdem fängt es an zu regnen, was die Qualität eines Übernachtungsstellplatzes sowieso irgendwie trivial erscheinen lässt – so lange wir zumindest halbwegs gerade stehen, ist alles gut.

Am nächsten Morgen fahren wir dann über eine Schwingbrücke auf die Insel und machen den ersten Stopp bei „The Port“ – denn ich hab absoluten, unstillbaren Heißhunger auf Fish & Chips. Eigentlich versuchen wir auf die meisten tierischen Produkte zu verzichten. Aber manchmal muss man seinen Gelüsten nachgeben und so essen wir 5 Minuten nach Ladeneröffnung sozusagen zum Frühstück morgens um 11 Backfisch und fettige Pommes. Geil! Weiter geht’s auf die Insel. Wir haben nicht so den richtigen Dunst, was wir eigentlich überhaupt machen wollen und halten erstmal beim Visitor Center, um uns eine Karte und ein paar Tipps zu holen.

Manitoulin Island liegt im Lake Huron und ist die größte Süßwasserinsel der Welt. Auf der Insel selbst gibt es wiederum mehr als hundert kleinere Seen, von denen manche Inseln haben – Inseln in Seen auf einer Insel im See also :D. Auf Manitoulin leben viele Angehörige der First Nation der Anishnaabeg. Wir hoffen, ein bisschen mehr in indigene Kultur eintauchen zu können. Unser erster Stopp ist aber ein Wasserfall, die Bridal Veil Falls (warum die im Englischen im Plural sind, weiß ich nicht, gefunden haben wir jedenfalls nur einen). Der Weg ist nicht weit, obwohl die kürzeste Strecke aufgrund von Covid-Vorsichtsmaßnahmen geschlossen ist. Es sind außer uns auch noch ein paar Menschen unterwegs, aber auch hier kehrt Anfang Oktober schon ein bisschen die Winterruhe ein. Doch die Herbstfarben leuchten wunderschön, und auch der Wasserfall ist nett anzuschauen. Auf ein Bad verzichten wir aufgrund der Temperaturen jedoch (obwohl wir dringend baden müssten).

Wir düdeln mit Elliott noch ein bisschen über die Insel und stoppen am weißen Sandstrand. Restaurants und Cafés haben zu, vielleicht wegen der Nebensaison, vielleicht auch wegen Covid. Wir spazieren barfuß am Strand und lassen uns die steife Brise um die Nase wehen. Wie am Lake Superior auch, hat man am Lake Huron das Gefühl, dass man eher am Meer als an einem See ist. Wind und Wetter sprechen dafür. Da wir auf der Insel selbst nicht so wirklich wildcampen können und Großteile leider gesperrt sind (die Straßen zu den Reservaten sind aufgrund steigender Covid-19 Fallzahlen gesperrt worden), versuchen wir es nochmal mit dem Crown Land Spot direkt vor der Insel. Wir finden ihn schließlich auch, und stellen fest, dass wir an besagter Stelle schon die Nacht davor waren – aber wieder weggefahren sind, weil ein großes „No Overnight Camping“-Schild das Wildcampen untersagt. Diese Nacht entscheiden wir uns aber dafür, darauf zu pfeifen und bleiben direkt am See.

Am Ende unserer paar Tage auf Manitoulin treffen wir schließlich endlich Sandra und Andrej. Die Wiedersehensfreude ist groß, als die beiden mit ihrem kleinen silbernen Honda auf den Mc Donalds Parkplatz einbiegen (wir werden ihre Gelüste für dieses Unternehmen nie so wirklich nachvollziehen können). Wir tauschen uns über unsere letzten Monate aus, trinken einen Kaffee und dann heißt es leider auch schon wieder Abschied nehmen – doch nicht für immer, das ist klar.

Am Lake Superior entlang

Von Manitoba geht’s Anfang September endlich nach Ontario. Wir müssen ein bisschen aufs Gaspedal drücken, denn wir haben Ersatzteile für unseren Propan-Ofen aus den USA bestellt, die zurückgeschickt werden, sollten wir sie nicht bis zum 4. September in Thunder Bay abholen. Daher ist der erste Stopp in Ontario nur kurz, aber umso schöner. Kenora liegt am Lake of the Woods, der sich über die kanadischen Provinzen Manitoba und Ontario sowie den US-Staat Minnesota erstreckt. Landschaftlich erinnert uns die Gegend um Kenora an Vancouver Island, nur der Regenwald fehlt (okay und natürlich der Pazifik, ist klar). Dafür gibt es unendlich viele Seen, Buchten und felsige, mit grünen Moosen und gelblichen Flechten bedeckte Hügel, an die sich viele kleine (und große) Cottages anschließen. Viele der Einwohner Torontos haben hier in der Gegend ein Wochenendhäuschen, sodass im Sommer ziemlich viel los ist, während Kenora in den Wintermonaten in einen Tiefschlaf verfällt. Wir kommen noch vor dem Winterschlaf, so dass noch ein bisschen was los ist. Wir besuchen den wöchentlichen farmers market und machen eine schöne Wanderung entlang der schroffen Felsen der Tunnel Island.

Weiter geht’s nach Thunder Bay. Der 130.000-Einwohner-Ort liegt absolut isoliert: Von Manitobas Hauptstadt Winnipeg (wo wir übrigens zum ersten Mal Pommes mit Essig und Salz gegessen haben – und holla, das ist mal richtig gut!) sind es bis nach Thunder Bay mehr als 700km – und bis zur nächsten größeren Stadt Sault St. Marie (von Einheimischen „The Soo“ genannt) ist es nochmal ein bisschen länger. Wir werden in Thunder Bay viel länger bleiben, als ursprünglich gedacht. Ungeplante Dinge passieren, wir müssen uns neuorganisieren, arbeiten, auf Postbestellungen warten, Elliott reparieren. So ziehen 3 Wochen ins Land, bevor wir weiterfahren können. Als wir endlich wieder on the road sind, ist Elliotts Wassertank frisch gefüllt, unser Furnace funktioniert wieder (was wichtig ist, denn es geht straight auf den Oktober zu und die Temperaturen fallen bereits unter null) und wir haben viel Essen und Bier an Board. Perfekt also, um uns nach den 3 stressigen Wochen in Thunder Bay zu entspannen und aus der Großstadt zurück in die Natur zu fliehen.

Und das machen wir auch: am Highway 17 geht es immer entlang an der Küstenlinie des Lake Superiors, Berg auf und Berg ab, sodass Elliott zwischenzeitlich ganz schön schnauft. Die Aussicht auf den riesigen See, der wie der Name vermuten lässt, zu den Great Lakes gehört, ist wunderschön. Die Great Lakes liegen sowohl in Kanada als auch in den USA. Den Lake Superior teilen sich die beiden Länder. Wie uns später erzählt wird, würde Belgien ganze 3 Mal in voller Größe in den See passen und auch wenn Freunde anderer Meinung waren, ist er flächenmäßig der größte See der Welt ist. Das steht so auf Schildern im gleichnamigen Lake Superior Provincial Park (und auf Wikipedia), unserem ersten Stopp nachdem wir Thunder Bay verlassen haben. Der Lake Superior weist aufgrund seiner Fläche einige klimatische Besonderheiten auf. So fungiert er als „the world’s largest air conditioner“, also als die größte Klimaanlage der Welt. Da er im Sommer die umliegende Gegend abkühlt, haben es arktische Pflanzenarten geschafft, nach dem Ende der Eiszeit an der Küste des Sees zu überleben. So findet man z. B. den weißblühenden Urgesteins-Steinbrech (ich hoffe mal, dass das die richtige Übersetzung ist), der normalerweise erst mehrere hundert Kilometer nördlich wächst. Aufgrund der Kälte sind die Bäume rund um den See klein und verkrüppelt und wachsen nur langsam. Im Herbst wärmt der See hingegen seine Ufer und angrenzenden Wälder auf, sodass die Birken sich später als in der restlichen Provinz herbstlich färben und die Blätter fallen lassen. Auch Blaubeeren kann man bis zum frühen Oktober finden und ernten – wir sind da allerdings nicht so erfolgreich.

Für Jahrhunderte – und bis in die Gegenwart hinein – hat der Lake Superior eine große Bedeutung für die Frist Nation der Anishnabe. Früher mehr als heute hing ihr Leben hinsichtlich Nahrung, Fortbewegung und Kleidung vom Chigaaming – dem Ojibway Wort für den See – ab.  Der See stellte mit seinem Überfluss an Forellen und Whitefish eine wichtige Nahrungsquelle da, und in seinen umliegenden Wäldern sammelten die First Nations Beeren und Wurzeln und jagten Wild. Heute dient der See weniger als Nahrungsquelle, doch er hat seine große Bedeutung als Ort für Zeremonien und Spiritualität der Anishnabe behalten.

Wir unternehmen ein paar Wanderungen im Park. Es ist bereits herbstlich kühl und nass, sodass außer uns kaum Menschen da sind. Chrissi traut sich und geht bei einer Wassertemperatur von 13 Grad tatsächlich baden – hätten wir eine Dusche im Van, wäre es wahrscheinlich nicht dazu gekommen. Doch weil wegen Covid alle öffentlichen Duschen und Pools geschlossen sind, müssen wir eben Alternativen finden. Und das bedeutet: entweder draußen mit der Outdoor Dusche duschen (was ich mache, denn so kann ich zumindest vorher ein bisschen Wasser auf dem Herd erwärmen und muss nicht ganz kalt duschen) – oder eben wie Chrissi in einen arschkalten See springen. Ich ziehe meinen imaginären Hut. Wir fahren weiter. Der Provincial Park zieht sich für knapp 50 km am Highway entlang, sodass man einfach stoppen kann, wo es einem gefällt, aber im Zweifel denselben Weg zurückfahren muss, wenn man was übersehen hat. So kommt es auch, dass wir eine ganze Weile nach den historischen Piktogrammen suchen, zu denen eigentlich eine eigene Straße führt und die zu den Hauptattraktionen des Parks gehören. Wir können aber den Eingang nicht finden und sind verwirrt. Schließlich sehen wir es: Die Straße zu den Felsmalereien ist gesperrt. Ich ignoriere das Schild einfach mal und fahre die enge kurvige Straße gut 3 Minuten entlang. Als wir auf dem Parkplatz ankommen, platzen wir mehr oder weniger in ein Fest der First Nations. Tippis sind aufgebaut, überall stehen Zelte und Pavillions, Lagerfeuer qualmen vor sich hin und auf einem zentralen Platz steht auf einer Wiese sogar eine Schwitzhütte. Ups, denke ich mir, das war ja jetzt nun nicht so der Plan. Mir ist es ziemlich unangenehm, dass wir da einfach so reinplatzen und ich will am liebsten gleich wieder umdrehen – zumal wir ja bewusst ignoriert hatten, dass die Straße gesperrt war. Doch Chrissi fragt die Leute, die sich herzlich wenig dafür interessieren, als wir mit Elliott angeröhrt kommen. Und ihnen ist es ebenso egal, ob wir uns die Felsmalereien anschauen. So hoppeln wir dann schließlich doch relativ schnell den steilen Pfad zur großen Felswand hinab, die direkt an der Wasserkante des Sees vertikal aufsteigt. Nur bei gutem Wetter kann man die enge Stelle zwischen Wand und Wasser überhaupt betreten. Bei Wellengang würde es nicht lange dauern, bis man im Wasser landet – und bei starken Wellen wieder aus den kalten Fluten herauszukommen, ist so eine Sache für sich. Laut den überall rumstehenden Warnschildern sei es wohl auch schon zu Todesfällen gekommen. Ob das stimmt, wissen wir nicht, auf jeden Fall bewirken die Schilder, dass wir vorsichtiger sind. Doch der See liegt an diesem Abend spiegelglatt vor uns, nicht mal ein leises Lüftchen weht. Und so können wir in aller Ruhe die Felsmalereien bestaunen, die von den First Nations vor mehr als 400 Jahren mit roter Farbe auf die Felswand gezeichnet wurden. Wir sehen Jäger, Kanus, Fische, Caribous und sogar eine Art Dinosaurier (?!) – zumindest könnten wir uns nicht erklären, welches Tier das sonst sein sollte. Es ist beeindruckend. Und als möchte die Natur nochmal eins drauflegen, taucht die untergehende Abendsonne alles in ein goldenes Licht.

Nun aber schnell zurück zum Bus, denn wir haben nicht vor, mit Elliott im Dunkeln zu fahren. Das war gleich das Erste, was uns von einem Mann an der Tankstelle in Thunder Bay eingebläut wurde: Fahrt niemals in der Dunkelheit, wenn ihr es vermeidet könnt – denn gegen ein Moose auf der Straße hat selbst ein 3-Tonnen-Van keine Chance. Das gefährliche an einer Elchbegegnung in Kanada in der Nacht ist, dass die Augen der Tiere im Scheinwerferlicht nicht reflektieren und man dadurch das Tier zu spät bemerkt, um noch rechtzeitig zu reagieren. Chrissi glaubt übrigens nicht, dass das stimmt, obwohl es uns zwei Kanadier unabhängig voneinander erzählt haben. Jedenfalls sind die Viecher so groß, dass die Überlebenschance eines solchen Unfalls sogar größer ist, wenn man mit einem kleinen Auto unterwegs ist und sozusagen unter den Beinen des Elchs durchschlippt (das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben formuliert, denn auch die kanadischen Elche sind keine 10 Meter hoch, aber ihr wisst, was ich meine).

Da ich aber denke, auf iOverlander einen richtig schönen Fleck zum Parken für die Nacht gefunden zu haben, fahren wir doch noch im Dunkeln und ich bin ziemlich angespannt. Denn gerade hier in der Gegend, wo die Städte hunderte Kilometer voneinander entfernt liegen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Moose unseren Weg kreuzt. Und Elliotts Bremsen sind auf jeden Fall nicht so gut, als dass wir bei 80 km/h noch rechtzeitig stoppen könnten. Doch alles geht gut und wir biegen an der Pancake Bay auf einen kleinen Crown Land Spot direkt am Ufer des Sees mit einem Kiesstrand ab. Da es bereits stockdunkel ist, gestaltet es sich erstmal ein bisschen schwierig, einen Stellplatz zu finden – denn außer uns stehen da noch ein weißer Sprinter und ein weinroter Volkswagen T3. Und dann ist da noch was, hinter den Büschen, direkt am Ufer. Etwas Gewaltiges. „Jeeeesus, Chrissn – komm mal her, das musst du dir angucken! Das Ding ist riesig!“, ich winke Chrissi zu mir rüber, und weise auf das dunkelgrüne Biest hin: Ein US-Armytruck mit einem Schiffscontainer als Wohnzelle. Allein der Eingang, der über eine steile Treppe zu erreichen ist, ist höher als ich groß bin. Ich wende mich wieder Elliott zu, denn so können wir nicht stehen bleiben, mitten in der Mitte dieses kleinen Platzes. Dann kommt der Besitzer des Biests. Mike. Und er meint, dass wir uns einfach vor ihn stellen sollen, mit Elliotts Gesicht zum See. Also Premiumspot. Da sagt man natürlich nicht nein. Also parken wir und lernen dann auch gleich die Girls aus dem T3 kennen. Sie kommen aus Montreal (und wir haben leider ihre Namen vergessen). Wie schön das ist, denke ich mir, endlich mal wieder neue Leute kennenlernen. Denn das ist leider dieses Jahr dank Covid wirklich auf der Strecke geblieben. Also organisier ich uns mal fix ein Lagerfeuer und keine 15 Minuten später sitzen wir zu fünft ums Feuer. Die Guys aus dem Sprinter haben sich leider nicht nochmal gezeigt. Die Nacht ist lang und gefüllt mit Reisegeschichten, Vanlifestories und Erinnerungen. Es ist wahnsinnig schön. Am nächsten Morgen beschließen wir, nicht weiterzufahren und stattdessen das ganze Wochenende mit Mike und den Mädels zu verbringen. Wir fahren zur nächsten Tankstelle, die eine Lizenz zum Alkoholverkauf hat und decken uns mit Wein ein. Als wir zurück sind, meint Mike, dass er nicht denkt, dass die T3-Girls von ihrem Trip in den Provincial Park zurückkommen. Und er soll recht behalten. Doch Reisende soll man nicht aufhalten und es dauert nicht lang, bis neben uns ein weißer Pickup-Truck und ein graues Auto anhalten. So lernen wir Bailey und Adria kennen, zwei Mädels aus Ontario, die ebenfalls (wie gefühlt jeder) auf dem Weg in Richtung Westen sind. Wir haben wieder einen wunderbaren Abend am Lagerfeuer und die Nacht wird sogar noch ein bisschen wilder, als Elliott zum Club wird. Wir chillen in Arnold, dem grünen Army-„Van“ (es ist mehr ein Haus auf Rädern) und sind so glücklich, diese Menschen hier gefunden zu haben. Als wir uns am nächsten Morgen alle etwas zerknautscht verabschieden, hoffe ich, dass wir uns wiedersehen werden. Und das werden wir.

Auf nach Manitoba!

Vom südlichen Saskatchewan geht es Ende August weiter Richtung Osten nach Manitoba. Der erste Halt ist der Riding Mountain Nationalpark. Da wir einen einjährigen Parkpass für alle Nationalparks haben, kostet uns der Spaß nichts und wir versuchen, so viele Nationalparks wie nur irgendwie möglich mitzunehmen. So waren wir bisher unter anderem in den Grasslands und natürlich in den Rocky Mountains. Der Riding Mountain ist zwar ein bisschen unspektakulärer als unsere letzten Nationalparkbesuche, aber das stört uns gar nicht. Es gibt nicht so viele Trails zum Wandern, dafür jedoch viele kleine Seen, Badeplätze und Feuerstellen. Da es Ende August sogar in Kanada richtig heiß ist, hält sich unsere Lust auf lange Wanderungen sowieso in Grenzen. Schön ist auch, dass sich zur Abwechslung mal niemand darum schert, wo wir stehen und so campen wir zwei Nächte – eigentlich illegal – direkt am See im Park. Mit Picknicktisch, Feuerstelle und sogar vorgeschnittenem Feuerholz (in allen Parks und Naturschutzgebieten ist es verboten, einfach Holz aus den Wäldern zu verfeuern) haben wir unseren privaten Campingplatz – und das auch noch ganz kostenlos. 

Nach ein paar Tagen im Riding Mountain beschließen wir ziemlich spontan, noch ein kleines Workaway zu machen. Ken hatte uns auf der Workaway-Plattform angeschrieben und gefragt, ob wir vorbeikommen möchten. Zufälligerweise sind wir genau zu diesem Zeitpunkt keine Stunde entfernt – und ein solcher Zufall ist in Kanada eher ungewöhnlich. Und so fühlt es sich auch ein bisschen nach Schicksal an, als wir zu Ken und Darleen nach Sandy Beach fahren. Wir haben nicht viel Zeit, nur 4 Tage, dann müssen wir weiter in Richtung Ontario. Chrissi hatte (bereits zum zweiten Mal) Ersatzteile für unseren kleinen Gasofen im Van bestellt, die zurück in die USA geschickt werden würden, wenn wir sie nicht rechtzeitig abholten. Aber auch 4 Tage sind besser als nichts, und nach den vier Wochen bei Jacky und ihrer Familie in Saskatchewan wollen wir ehrlich gesagt auch lieber unsere Ruhe. Von workaway zu workaway fahren, wie das unsere beiden slowenischen Freunde Sandra und Andrej machen, könnten wir wohl nicht – dafür lieben wir nicht nur das Leben im Bus viel zu sehr, sondern auch unsere Privatsphäre.

But anyway, wir sind für kanadische Verhältnisse so nah dran und irgendwie möchten wir auch etwas zurückgeben, an Kanada und die Menschen, die wir hier kennenlernen durften. Und da Ken und Darleen etwas Unterstützung brauchen, um ihr Haus zu verkaufen, scheint dies eine gute Gelegenheit. Warum es zum Verkauf kommt, erfahren wir jedoch erst später – und werden ziemlich traurig.

Doch zunächst biegen wir mit Elliott einmal wieder auf ein wunderschönes Grundstück ein. Der private Zufahrtsweg ist von Birken gesäumt und zieht sich sicherlich einige Kilometer. Er mündet an zwei großen Häusern, beide weiß mit grünen Dächern. Das schönste aber ist zum einen ein riesiger, in allen Farben blühender und von Früchten nur so überquellender Garten – und ein ebenfalls nicht gerade kleiner privater (!) See, auf dem ein großer Schwarm weißer Pelikane schippert. Oh man. Wie so oft haben wir schon gedacht: Das toppt nichts mehr – doch jetzt sind wir uns sicher, dass wir das höchste der Gefühle erreicht haben. Und eins freut uns noch mehr: Darleen und Ken sind seit 40 Jahren Vegetarier und leben seit 9 Jahren vegan. Ein Paradies für uns und als wir den Garten sehen, wissen wir bereits: die nächsten vier Tagen werden ein kulinarisches Fest. Da das Essen bei Jackie nicht so richtig pralle war und häufig nur aus Fertiggerichten bestand, freuen wir uns umso mehr.

Unsere Hosts sind noch nicht da, daher werden wir von einer Freundin willkommen geheißen. Wir machen uns gleich mal nützlich, und während wir allerlei Zutaten für Salat und Nudelpfanne schnippeln, erzählt uns Shirley, dass Ken und Darleen im Krankenhaus sind, aber bald kommen. Wir schlucken und als wir fragen, was passiert sei, sagt uns Shirley, dass die beiden uns das später selbst erzählen. 

Schließlich kommen die beiden. Ken, um die 60, mit einem grauhaarigen Vokuhila und einem verschmitzten Lächeln im Gesicht und Darleen, eine sehr leise und sanfte, mehr noch zarte und zerbrechliche Frau. Sie hat Krebs. Und mehr oder weniger genau aus diesem Grund sind wir hier. Denn das Haus muss verkauft werden, damit die beiden näher zur Stadt, zum Krankenhaus und der notwendigen medizinischen Versorgung ziehen können. Ken zeigt uns das Grundstück und erzählt uns alles. Es bricht uns das Herz. Gerade einmal vor drei Jahren sind die beiden mit dem Bau ihres Traumhauses fertig geworden. Früher arbeiteten die beiden als Versicherungsmaklerin und Immobilienmakler und haben mit dem Großprojekt Traumhaus erst begonnen, als sie in Rente gegangen sind. Das Haus ist wunderschön, ebenso wie das Grundstück. Es liegt komplett abgeschieden am bereits erwähnten See, zu dem nur sie Zugang haben. Angefangen haben sie vor 8 Jahren mit dem Bau einer kleinen Cabin aus Holz, um erst einmal irgendwo wohnen zu können. Später kam ein Duschhaus hinzu, mit einer kleinen Sauna. Geheizt wird mit einem Holzofen, das ist auch bei dem großen Wohnhaus die einzige Wärmequelle. Strom gibt es ausschließlich aus Solarenergie, weshalb man die elektrischen Geräte nur bis circa 17:30 abends unbegrenzt (im Sommer) benutzen kann. Danach werden die tagsüber geladenen Batterien angezapft, ähnlich wie in Elliot nur alles eine (oder eher zwei) Nummer(n) größer. Das Warmwasser wird ebenfalls mit erneuerbaren Energien erwärmt, über den Tag hinweg mit Sonnenenergie, abends mit dem Feuer des Holzofens. Ken zeigt uns das zweite große Haus direkt neben dem Wohnhaus. Es ist eine große Werkstatt, so groß, dass man ohne Probleme ein Bott drin bauen könnte. Über der Werkstatt hat er später noch ein zweites Geschoss mit einer Wohnung gebaut, in die die beiden gezogen sind, als es in der Cabin zu eng wurde. Die kleine Wohnung hat eine große offene Küche mit Livingroom inklusive Billardtisch und zwei Schlafzimmer. Wir gehen über das Grundstück, die Zufahrtswege sind von meterhohen Bäumen gesäumt, und auf der gegenüberliegenden Seite gibt es noch einen kleinen Naturteich. Die Grundstücke rund um Ken und Darleens Haus hat die kanadische Naturschutzorganisation „Ducks unlimited“ gekauft um den Lebensraum von Enten zu schützen. Daher leben die beiden nicht nur wunderschön abgelegen am See, sondern sind auch noch umgeben von einem Naturschutzgebiet. Keine Nachbarn, keine Straße, kein Lärm. Es ist ein Paradies. Das wohl schönste ist der riesige Garten, in dem die beiden – eigentlich bis vor ihrer Krankheit hauptsächlich Darleen – so viel Obst und Gemüse anbauen, dass sie den ganzen Sommer über autark leben können und nur im Winter frische Sachen, die nicht eingefroren werden können, zukaufen müssen. Es ist herrlich: auf den Beeten wachsen Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Kartoffeln, Spinat, Himbeeren, Goji-Beeren, Salate, Zucchini, Kürbisse, Erdbeeren, Kohlrabi und und und. Im angrenzenden Gewächshaus duftet der Basilikum und direkt an der Terrasse des großen Wohnhauses wachsen Kräuter in einem eigenen kleinen Kräutergarten. 

Das Essen ist dementsprechend saisonal und bio, denn chemische Pestizide werden nicht verwendet. Es schmeckt uns so so gut. Allein die Zucchiniernte, die wir an den ersten Tagen aus dem Garten holen, ist so groß, dass die Kücheninsel nicht breit genug ist, um alle darauf zu stapeln. Dann zeigt uns Ken nochmal in aller Ausführlichkeit und mit Stolz das eigentliche Wohnhaus: Auch hier wird alles energieneutral geheizt, der Boden besteht aus Kork und das wunderschöne Geländer zum oberen Stockwerk ist aus eigenhändig gebeizten Birkenstämmen gebaut, ein Unikat. Es steckt so viel Herzblut in diesem Haus. Neben der großen Küche und einem offenen Wohnbereich gibt es noch einen lichtdurchfluteten Saloon, indem auf einem großen Gitter Goji-Beeren in der Sonne trocknen. Es gibt mehrere Schlafzimmer und ein Büro, dessen Wand man zum Bett ausklappen kann und in dem wir schlafen. Während wir durch die 800qm schlappen, wird uns immer klarer, was wir hier eigentlich sehen: Den Lebenstraum zweier Menschen, die so viel gegeben haben, um ihrer Lebensphilosophie nach die restlichen Jahre ihres Lebens zu verbringen.

Während der vier Tage, an denen wir mit den dreien (Shirley ist vorübergehend eingezogen, um Darleen zu unterstützen) zusammenwohnen, haben wir wunderbare Gespräche, auch wenn wir Darleen nur selten sehen, viel zu erschöpft ist sie von der letzten Krebsbehandlung. Wir putzen das Haus und räumen das Grundstück auf für die potenziellen Käufer, die in einigen Tagen vorbeikommen. Wieder einmal bricht es uns das Herz, zu sehen, wie schwer es Ken fällt, ein Lächeln auf den Lippen zu behalten. Zu schwer ist die Last, dass der Lebenstraum, für den sie solange gekämpft haben, nun in andere Hände fällt. Daher ist es Ken auch sehr wichtig, dass die zukünftigen Käufer dieselbe Philosophie vertreten wie er und Darleen. Die Käufer, die schließlich am Sonntag kommen, scheinen genau das zu erfüllen – sie sind aber auch nicht die ersten, die sich das Haus anschauen. Während Ken den vieren eine mehrere stundenlange Haus- und Hofführung gibt, ziehen wir uns zurück. Am Abend, es ist zugleich der letzte für uns, bevor wir weitermüssen, sitzen wir nochmal alle zusammen am Esstisch und reden über die potenziellen Käufer. Ken hat ein gutes Gefühl, und vielleicht macht es die Traurigkeit, die alles andere überlagert, ein kleines bisschen weniger schwer. Zu wissen, dass man seinen Lebenstraum in die richtigen Hände gibt, an Leute, die ihn so weiterführen werden wie man selbst und in Ehren halten, weil sie die ganze Arbeit, die darin steckt, sehen und wertschätzen. Auch wenn die eigene Zukunft gleichzeitig so furchtbar ungewiss ist. 

Als wir uns am nächsten Tag verabschieden, haben wir beide einen dicken Kloß im Hals. Das hier ist nicht fair. Das hier sollte nicht passieren, niemanden und schon gar nicht Menschen, die versuchen, alles richtig zu machen: Ihren ökologischen Fußabdruck so unsichtbar wie möglich zu halten, vegan zu leben, für den eigenen Körper und Geist mit Meditation und Yoga zu sorgen, der Erde und den darauf lebenden Geschöpfen, egal ob Mensch oder Tier, mit Wärme, Gastfreundschaft und offenen Herzen zu begegnen. Als wir uns umarmen, kann ich mich gerade noch rechtzeitig umdrehen, damit keiner der beiden meine Tränen bemerkt. Es bricht uns beiden das Herz, diese beiden wundervollen Menschen zu verlassen. Wir sind traurig und zugleich dankbar, dass wir Ken und Darleen kennenlernen konnten und zumindest ein bisschen von all der Liebe, die uns geschenkt wurde, zurückgeben konnten. Auf dem Weg Richtung Süd-Osten hängen wir beide lange unseren Gedanken nach. 

Grasslands Nationalpark – Sind wir noch in Kanada?

Bisons, Präriehunde, Antilopen, Kojoten, Klapperschlangen – äh, sind wir noch in Kanada? Ja! – Wenn auch ganz knapp. Im südwestlichen Saskatchewan liegt an der Grenze zu den USA der Grasslands Nationalpark mit einer für Kanada einmaligen Landschaft: Steppe, so weit das Auge reicht. Schon auf unserem Weg in den Süden merken wir, dass sich die Landschaft mehr und mehr verändert. Erstes mehr als eindeutiges Zeichen sind die Great Sandhills. Je weiter wir fahren, desto weniger Bäume sehen wir. Schließlich hört die grüne Vegetation ganz auf und wir sind umgeben von endlosen Weizenfeldern. Manche sind bereits in einem gestreiften orange-gelben Muster abgeerntet, auf den anderen brummen die riesigen Mähdrescher, doppelt so hoch wie Elliott. Die Sonne ballert unbarmherzig, von Schatten keine Spur. Zum Glück funktioniert unsere Klimaanlage – und ebenfalls zum Glück bleiben wir nicht liegen. Hier würde das Abschleppen wahrscheinlich ganz schön teuer werden, denn zwischen den wenigen Präriestädtchen liegen viele Kilometer schnurgerader Straße entlang endloser Prärie.  

Als es dunkel wird (die Sonne geht jetzt bereits gegen halb neun unter), kommen wir schließlich an. Wir parken den Van auf einem Parkplatz, von dem aus zwei Wanderwege starten. Wir sind müde von der langen Fahrt und schlafen schnell ein. Als wir morgens aufstehen, werden wir von einer ankommenden Parks Canada-Mitarbeiterin getadelt, dass wir hier nicht campen dürfen, da das Gebiet schon zum Nationalpark gehört. In den Nationalparks ist wild camping grundsätzlich nicht erlaubt, aber ab und an versuchen wir es trotzdem – einfach, um Geld zu sparen. Außerdem hätten wir nicht vermutet, dass an diesem Parkplatz im Nirgendwo wirklich jemand vorbeikommt. Naja, ist ja auch nicht weiter schlimm, denn wie immer sind die Kanadier auch dann nett, wenn man in Deutschland wahrscheinlich schon eine Strafe aufgebrummt bekommen hätte. 

Während Chrissi bereits im Morgengrauen einen der beiden Trails gelaufen ist, brauche ich erst einmal einen Kaffee, bevor wir auf den zweiten, etwas längeren Weg starten. Es ist aber eine gemütliche Runde von 4 Kilometern durch die Steppe und auf ein paar kleinere Hügel. Zwar würden wohl nicht wenige Menschen sagen, die Landschaft hier sei langweilig – doch uns verschlägt sie wieder einmal den Atem, denn wir können nicht so richtig fassen, dass wir immer noch in Kanada sind. So unterschiedlich sind Fauna und Flora hier im Vergleich zu den letzten Nationalparks, die wir besucht haben: Jasper und Banff. Während in den Rockies noch Schnee die Gipfel bedeckte und wir Grizzlies, Streifenhörnchen, Eichhörnchen, Hirsche und Rehe gesehen haben, sind die vorherrschenden Farben hier nicht grau, türkis, grün und weiß der Felsen, Gebirgsseen, Wälder und der verschneiten Gipfel, sondern ocker, beige, gelb und orange. 69 unterschiedliche Gräser wachsen hier, ein paar wenige Wildblumen stehen vertrocknet am Wegesrand. Es regnet hier grundsätzlich nur selten, doch ein Farmer erzählt uns, dass es dieses Jahr besonders schlimm sei. So traurig, wie das auch ist, ist es leider kein Wunder: Die Prärie zählt zu den am meisten durch den Klimawandel gefährdeten Ökosystemen der Welt.

Als wir von unserer kleinen Wanderung zurückkommen, sind wir trotz der gerade einmal 4 Kilometer schon ziemlich verschwitzt. Unbarmherzig knallt die Sonne auf uns. Schatten und etwas klimaanlagenkühle Luft bietet nur Elliott und so wird unser Tripp durch den Nationalpark zu einer Safari. Viele Wanderwege gibt es hier jedoch sowieso nicht und wenn, verlaufen sie durch die ziemlich gleich aussehende Steppe unter der prallen Sonne. Da es bereits im Schatten 26 Grad sind, verzichten wir auf weitere Wanderungen und fahren durch den Park. So ist dieser aber auch angelegt, denn die einzelnen Aussichtspunkte, Infotafeln und Attraktionen sind wie in jedem der kanadischen Nationalparks sowieso viel zu weit voneinander entfernt, als dass man einen solchen Park ohne Auto erkunden könnte.

Das erste, was wir auf unserer Safari sehen, sind Antilopen. Erst denke ich, es sind Rehe. Aber die hier haben keinen weißen Schwanz, was das Kennzeichen der verbreiteten whitetail deer ist, sondern einen weißen Hintern, was ziemlich lustig aussieht – denn als wir etwas näher rangehen, hüpfen zehn kleine weiße Hinterteile wie Flummies durch die Prärie in die nächste Senke, bis wir sie nicht mehr sehen. Auch beim nächsten Tier liege ich erst einmal falsch. Der ocker-weiße Vierbeiner hat aber auch wirklich etwas von einem Wolf. Es ist aber ein Kojote, der neben der Straße steht und sich die Pfote leckt. Wir denken kurz, dass er sich ernsthaft verletzt hat, da er auch hinkt. Aber dann läuft er nach ein paar Schritten normal weiter. Wahrscheinlich ist er nur in einen Kaktus getreten – ja, auch die gibts hier. Nach dem Kojoten kommen wir an einer Stelle mit ein paar Infotafel vorbei: Sie befinden sich in Dogtown. Und das ist nicht zu übersehen, auch wenn es sich natürlich nicht um normale Hunde handelt, sondern um Präriehunde, eine Art dickes Erdmännchen. Ihre Tunnelsysteme sind über kilometerweite Strecken verteilt und sie graben ihren Ausgang auch gerne mal in die Mitte der Straße, sodass man wirklich vorsichtig sein muss, um keins von ihnen zu überfahren. Aber auch, wenn die Präriedogs scheinbar immer bis zur letzten Sekunde warten, bevor sie in ihre Höhlen verschwinden, sind sie zum Glück jedes Mal schneller als der Bus. Am Ende der Safari wartet dann das eigentliche Highlight des Nationalparks auf uns – und wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir zumindest eins von ihnen sehen. Denn eigentlich ist die hier lebende Bisonherde im Moment nicht in dem Teil des Parks, in dem wir uns befinden. Doch ein alter Bisonbulle liegt entspannt in der Sonne, zu anstrengend scheinen ihm die langen Wanderungen seiner Kollegen in dieser Hitze. Und so können wir ein paar gute Fotos machen, ohne das majestätische Tier zu stören. Noch 1865 gab es in Saskatchewan übrigens 60 Millionen Bisons – nur ein Jahrzehnt später hatten die europäischen Siedler und Jäger den Bestand auf 500 (!) Tiere reduziert. Dieser unfassbare Eingriff in ein funktionierendes Ökosystem ging auch für die von den Bisons lebenden Menschen mit weitreichenden Konsequenzen einher. Für die First Nations lieferten die Bisons nämlich nicht nur Nahrung, sondern auch Material für ihre Kleidung und ihre Unterkünfte. So wuchsen auch die Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den Europäern immer stärker an und mündeten nicht selten in blutigen Konflikten.

Am Ende unserer Safari biegen wir auf den einzigen Campingplatz ab, der mitten im Nationalpark liegt. Zum ersten Mal seit unserem Besuch in Jasper im Winter haben wir einen Stellplatz mit Strom. Normalerweise wählen wir immer eine unserviced site, wenn wir auf einem Campingplatz sind, da diese ein paar Dollar weniger kosten und wir dank unseres Solarpanels sowieso autark sind. Hier liegt aber an allen Stellplätzen Strom an und das ist unser Glück – denn so können wir zum ersten Mal die zweite, große Klimaanlage in Elliott anwerfen. Und Himmel, das ist bei einer Außentemperatur von bestimmt 40 Grad die absolut beste Idee. Denn auch wenn draußen ein warmer Fön geht – der Van heizt sich dermaßen auf, dass man es ohne Fahrtwind und Klimaanlage kaum aushält. Mit der Klimaanlage auf unserem Dach sind es jetzt aber angenehme 20 Grad im Bus und auch die Mücken verlassen fluchtartig unser zu Hause. In der Nacht werden wir mit dem bisher vielleicht grandiosesten Sternenhimmel belohnt – auch wenn sich das mittlerweile über fast jede klare Nacht sagen lässt. Ich lade noch eine Sternenapp herunter und so sehen wir neben den wenigen obligatorischen Sternbildern, die wir beide kennen (und die sich ehrlich gesagt auf die beiden Wagen beschränken), noch zig andere – wie Cassiopeia, den Schwan, den Bärenhüter und den Adler. Und Polaris, die Milchstraße und den Mars. Und – und das finde ich besonders beeindruckend – nebeneinander Jupiter und Saturn. Ich wusste nicht einmal, dass man die beiden Planeten überhaupt mit bloßem Auge sehen kann – und wäre ohne die App im Unklaren geblieben. Noch ein paar Sternschnuppen zum Abschied von einem wunderschönen, wilden und einsamen Stück Erde – dem Grasslands Nationalpark. 

Logbucheintrag August 2020: Wir waren in der Wüste

Ja. Ihr habt richtig gelesen. Und so wirklich glauben können wir es selbst nicht. Aber auf Anfang: Wir verlassen Jackies Farm Mitte August. Eigentlich wollten wir nur knappe drei Wochen bleiben, am Ende werden es fast vier – so schön waren unsere großen Ferien in Saskatchewan. Aber es fühlt sich auch mehr als gut an, wieder on the road zu sein. Elliott ist hübsch lackiert und von allem Rost befreit, der Kühlschrank voll, Gas- und Wassertank sind aufgefüllt und es kann endlich wieder losgehen: Auf in den Osten. Oder zumindest erstmal in den Süden, denn so schnell wollen wir Saskatchewan nicht verlassen. Auf dem Weg in den Grasslands Nationalpark habe ich auf iOverlander, der App, über die wir die meisten unserer Stellplätze finden, etwas entdeckt, dass wir unbedingt sehen wollen: Mitten in der Prärie soll es riesige Sanddünen geben. Also nichts wie hin da. Das dauert natürlich mit Elliott und unserer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 70-80 km/h etwas länger und der erste Stop ist daher erst einmal der Manitou Lake. Dieser See hat fast ein so hohes Salzgehalt wie das tote Meer. Wir sind die einzigen am Stellplatz, nur herumliegender Müll und verwaiste Schaukeln zeigen, dass auf diesem verlassenen Public Land manchmal mehr los ist. Nach einer langen Nacht, in der wir die Sterne beobachten, treffen wir am nächsten Morgen beim Müllaufsammeln aka beach cleaning ein älteres Paar, dass einen Bisonschädel im See gefunden hat. Sie erzählen uns, dass das hier eigentlich heiliges Land der First Nation ist und wir staunen nicht schlecht, als der Wert des Bisonschädels auf 300-400 Dollar geschätzt wird. Wie alt der Schädel wohl sein mag, vergessen wir jedoch leider zu fragen.

[vimeo 453125088 w=1080 h=480]

Wir fahren weiter. Die Landschaft verändert sich nun zunehmend: Wälder und Seen werden immer weniger, ab und zu sieht man noch ein paar Bäume, aber Bild beherrschend sind die endlosen Kornfelder. Irgendwo im nirgendwo zeigt das Navi dann an, dass wir abbiegen sollen. Wir rattern eine scheinbar endlose Schotterpiste ins Nichts entlang, kreuzen ein Texas Gate und fahren durch Steppe, kaum Vegetation gedeiht hier außer Gräsern auf sandigen Böden. Und der Sand ist auch der Vorbote, denn schließlich kommen wir an, an den Great Sandhills. Und ja, man mag es kaum glauben, aber hier ist wirklich mitten im Nirgendwo in Saskatchewan eine Art Mini-Wüste – mit immerhin bis zu 8 Meter hohen Dünen. Wir klettern die Dünen hinauf, tauchen die nackten Zehen ein, lassen den feinen Sand durch unsere Finger rinnen – und sind wieder einmal maßlos erstaunt, welche Artenvielfalt dieses Land doch zu bieten hat. Noch vor ein paar Wochen waren wir in den Rocky Mountains mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Chrissi ist sogar noch durch die Schneereste auf mehreren tausend Höhenmetern gewandert – und jetzt stehen wir Ende August mit den Füßen im Sand auf einer Düne, die eher vermuten lässt, wir wären in einem südlichen Land. 

Obwohl es eigentlich verboten ist, bleiben wir über Nacht auf dem Parkplatz stehen – zu unwahrscheinlich scheint es uns auch, dass jemand hier mitten im Nirgendwo vorbeikommen würde. Wir lassen die Fenster offen und lauschen den nächtlichen Geräuschen. Die Stille ist von Grillenzirpen erfüllt, ab und an hört man einen Kojoten heulen. Der Nachthimmel ist wieder einmal unvorstellbar schön, Milliarden von Sternen glitzern über uns und wir sehen mindestens eine langsame Sternschnuppe. Ich weiß nicht mal, was ich mir wünschen sollte – so glücklich bin ich in diesem Moment.

Große Ferien in Saskatchewan

Wir wollen es noch einmal versuchen. Die letzte Workaway-Erfahrung kann und will ich nicht so hinnehmen. Also noch eins. Wir sind auf dem Weg in Richtung Osten – doch jetzt, denn zwischenzeitlich sah es nicht mehr danach aus, als würden wir den Westen noch einmal verlassen. Außerdem wollte ich ja sowieso nach Hause fahren und naja und sowieso. Aber dann ist da ja noch der geplante Besuch von Joel Mitte September und wir wollen die Hoffnung einfach nicht aufgeben, dass die kanadischen Grenzen für europäische Touristen doch noch öffnen und wir uns endlich wiedersehen. 

Nachdem wir drei Wochen in den Rocky Mountains und den Nationalparks Banff und Jasper unterwegs waren, beschließen wir auf dem Weg Richtung Osten in Saskatchewan Halt zu machen. In der kleinen, an Alberta angrenzenden Provinz leben gerade einmal ein bisschen mehr als 1 Million Menschen. Der Großteil der Provinz ist flach und besteht aus unendlichen Weizenfeldern und Tundra. Die Landschaft, in der die kleine Farm von Jackie und ihrer Familie liegt, macht jedoch eine angenehme Ausnahme – denn hier oben im Norden Saskatchewans schmiegen sich an die Kornfelder weite Ausläufe des grünen Gürtels Kanadas, ein riesiges Waldgebiet, das sich über den gesamten Norden Nordamerikas zieht.

Wir nehmen Kurs auf die Farm und fahren ein auf ein Grundstück mit gelben Haus und blauen Hühnerstall. Mit Jackie zusammen wohnen ihr Bald-und-immer-noch-nicht-Ehemann John sowie ihre Kinder, der 13-jährige Jimmy und die 18-jährige Morgan. An Tieren gibt es fünf Hunde, fünf Katzen, acht Pferde und zwei Esel sowie eine nicht zu zählende Masse an Geflügeltieren – normale und seltsame Enten, Hühner, Pfauen, Ginnies (keine Ahnung, wie die auf Deutsch heißen) und eine Schar sehr lauter Gänse. Ach und Schafe mit vier kleinen Lämmern und Kaninchen tummeln sich hier auch noch. 

Unsere Gastfamilie für knapp einen Monat: Jimmy, Jackie und John – Morgan war leider die meiste Zeit bei ihrem Dad.

Bevor wir aber alle Tiere zu Gesicht bekommen und eine Farmführung erhalten, gibt es erstmal eine ziemlich gelungene Überraschung: Mit denen Worten „hey Germans“ tauchen um die Küchenecke plötzlich Sandra und Andrej auf, die beiden Slowenen, mit denen ich mehrere Hundert Kilometer südwestlich die ziemlich unschöne Workaway-Erfahrung hatte. Das Gelächter ist groß, die beiden hatten nämlich extra ihr Auto versteckt, um uns zu überraschen – und das ist auf jeden Fall gelungen. Ich freue mich riesig die beiden wiederzusehen. Irgendwie hatte ich auch so ein Gefühl, als Jackie uns fragte, ob wir ein paar Tage eher kommen könnten – und ja, man sieht sich schließlich immer zweimal im Leben. 

Die nächsten Tage wird daher nicht gearbeitet, sondern Wiedersehen gefeiert. Außerdem ist es plötzlich richtig heiß und wir verbringen die Tage bei 30 Grad eisessend am Badeseestrand. Ich freue mich, endlich ist es Sommer! Noch vor 3 Wochen waren es in den Rockies eher umsommerliche 15 Grad. Den Locals scheint die Hitze aber eher etwas zuzusetzen, was aber auch kein Wunder ist: Bei maximal einer heißen Woche im Jahr sind Jackie & Familie das einfach nicht gewohnt. Im Winter ist es hier dafür saukalt: Bis zu -47 Grad kann die Temperatur fallen, mit Wind sind es sogar gefühlte -60 Grad. Als ich das höre, bekomme ich eine Gänsehaut trotz praller Sonne.

Meine liebsten Slowenen: Sandra und Andrej
Ich probiere mich zum ersten Mal auf dem SUP – sieht gar nicht so schlecht aus, oder?
Living the beach life to the fullest

Als sich Sandra und Andrej nach vier Tagen verabschieden und zu ihrem nächsten Workaway in Manitoba aufbrechen, wird es auch auf der Farm etwas ruhiger – naja, aber wirklich nur ein bisschen. Denn Jackie ist ein absolutes Energiebündel: Laut, fröhlich, immer zu Späßen auflegt. Wir verstehen uns super, auch wenn es/sie manchmal auch ein wenig anstrengend ist. Das wirklich Gute an Jackie aber ist: Sie mag keine harte Arbeit. Und weil sie selbst wegen Corona zu Hause ist (sie ist Schulbusfahrerin), haben wir jede Menge Zeit für die schönen Dinge: Wir fahren fast jeden Tag an den Strand, machen kleine Wanderungen durch sandige Wälder mit den Hunden, essen sehr viel Eis und Pommes und das Beste: Wir gehen Reiten. Endlich endlich, so lang hab ich mir das ja gewünscht. Und da es genug Pferde gibt, reite ich in den nächsten drei Wochen nicht nur fast jeden Tag, sondern auch insgesamt vier unterschiedliche Pferde: Trailrides, in der Arena, Englisch, Western, mit Sattel, ohne Sattel. Ja, da kommt mein kleines Pferdemädchenherz tüchtig auf seine Kosten. Sogar Chrissi traut sich aufs Pferd und stellt sich so gut dabei an, dass er am Ende unseres Farmstays mit auf einen Trailride darf – und ich glaube, das hat ihm auch ganz gut gefallen.

Frigg ist die wohl gemütlichste Stute auf der Farm und reiten auf dem Platz (aka human shit) mag sie nicht so wirklich.
Unser Host Jackie auf Frigg und ich auf der kleinen Minor, bevor wir zu einem 19 km Ritt aufgebrochen sind.

Da Jackie nicht so auf harte Arbeit steht, machen wir nur ab und an ein bisschen Farmarbeit: Mal Heuballen auf dem Feld einer Freundin einsammeln, die Gehege der Vögel säubern, die Reitkammer aufräumen, eine große Ausmistaktion bei den Schafen, ein neues großes Gehege für die Pfauen bauen und halt im Haushalt ein bisschen anpacken. Letzteres gestaltet sich aber etwas schwierig, den kaum hat man gewischt und aufgeräumt, sieht es wieder aus wie vorher – und das ist nicht unbedingt der Burner, denn bei Jackies Familie sieht es gerne mal aus wie Sau. Aber naja, für vier Wochen spielt das irgendwie auch nur eine untergeordnete Rolle.

Chrissi am Ausmisten der Ginnies (wir wissen nicht wirklich, was das für eine Sorte Vogel ist – vielleicht weiß jemand mehr?
Fuck, Heuballen sind echt schwerer als sie aussehen!

Die ganze freie Zeit, die wir haben (wir arbeiten eigentlich nur so 2 Stunden am Tag) verbringen wir – nein, nicht chillend oder ein Buch lesend, sondern schön am Van arbeitend. Chrissi hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, Elliott von allem Rost zu befreien. Und davon hat der Bus ganz schön viel. Keiner von uns beiden hat am Anfang eine Vorstellung, was für Arbeit da wirklich auf uns zukommt: Und so sitzen wir mit Flex, Drahtbürste und Schleifmaschine in der brütenden Hitze so gut wie es geht im Schatten und bearbeiten die verrostete Karosserie unserer 31-Jahre alten Weggefährtin. Da bleibt’s aber leider nicht bei ein bisschen Abschleifen und Neulackieren. Denn unter dem abgeplatzten Lack kommen durchgerostete Stellen zum Vorschein, die sich nach Bearbeitung mit der Flex als mehr als 20 Zentimeter große Löcher herausstellen. Na herrlich. Irgendwie gelingt es uns aber doch, die Löcher professionell (haha) mit einer Konstruktion aus Hühnerdraht und Spachtelmasse zu stopfen – das sollte der deutsche TÜV lieber nicht sehen. Nach 2 Wochen sind wir aber endlich so gut wie fertig und Elliott sieht wieder richtig schön aus. So muss sie das letzte Mal vielleicht vor 10 Jahren ausgeschaut haben, denn obwohl der Vorbesitzer Mechaniker war, hat er die Roststellen leider komplett vernachlässigt und sich so lange nicht darum gekümmert, bis manche Stellen an der Karosserie durchgerostet waren. Jetzt fehlt uns nur noch der passende Lack – und wir finden sogar die originale Farbe, die 1989 verwendet wurde. Leider verschätzen wir uns etwas und eine Farbdose reicht natürlich nicht aus. Also müssen wir warten, bis wir in der nächsten größeren Stadt vorbeikommen. 

Wenn wir nicht am Van arbeiten, nimmt uns Jackie zu allen möglichen Ausflügen und Attraktionen in ihrer Wahlheimat mit. Klar, leider fallen dank Corona alle Veranstaltungen und Feste aus. Aber stattdessen besuchen wir die Provincial Parks in der Umgebung, die sich wirklich sehen lassen können: So hat der Meadow Lake Provincial Park allein über 20 Seen, die eingebettet in herrlich grünen Mischwäldern liegen. Das ganze Gebiet und generell große Teile des nördlichen Sasketchewans gehört dabei den diversen Stämmen der First Nations. Bei einer unserer Wanderungen im Makwa Provincial Park mit vier Hunden sehen wir sogar einen Bären – der erste Schwarzbär überhaupt und auch das erste Mal, dass wir einen beim wandern sehen und nicht gut geschützt im Auto. Der Bär verzieht sich zwar schnell, aber trotzdem ist den meisten von uns (bis auf Chrissi natürlich) beim weiterwandern etwas mulmig zu Mute und so singen wir laute Bären-Verscheucher-Lieder. Aus Gründen, die entweder damit etwas zu tun haben, dass Chrissi Adleraugen hat oder aber auch nur eine sehr gute Vorstellungskraft, sieht er als einziger von uns drei Bären. Auf jeden Fall sind wir nach dieser Wanderung Profis im Erkennen von Bärenspuren: Nicht nur Tatzenabdrücke, sondern vor allem Kackhaufen mit vielen Kernen von Beeren, aufgewühlte Ameisenhaufen und umgedrehte Steine zeugen davon, dass man im Bear Country ist. Laufen die Ameisen dann auch noch aufgeregt durcheinander, sollte man wirklich achtsam sein und lieber mal ein Bären-Verscheucher-Lied zu viel und zu laut singen (denn nein, einem Bären möchte man nicht ohne Schutz begegnen). 

Schwimmender Schwarzbär
Der wunderschöne Makwa Lake Provincial Park ist nur 10 Minuten mit dem Auto entfernt – hier verbringen wir fast die ganze erste Woche nur am Strand.

Das für Chrissi vielleicht schönste Erlebnis des gesamten Farmstays ist für mich zu gleich eins, dass nicht stattfindet – denn ich verschlafe es. Eines Abends, als alle ums Feuer sitzen und Hot Dogs grillen, verabschiede ich mich eher und gehe ins Bett. Ich habe Kopfschmerzen und brauche eine Pause und ein bisschen Zeit für mich. Nachts werde ich plötzlich mit den Worten „Sophie, wach auf, die Nordlichter sind da!“ aufgeweckt – zumindest versucht es Chrissi. Denn jeder der mich kennt, weiß, dass es ein teilweise unmögliches Unterfangen ist, mich aufzuwecken, wenn ich erstmal geschlafen habe und dass der Versuch auch einiges an Mut erfordert, denn ich bin im Halbschlaf zumeist ziemlich grummelig und beschimpfe meine Mitmenschen auch gerne mal aufs Böseste, allen voran Chrissi (der mich zugebenen auch deutlich häufiger versucht, mitten in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden aufzuwecken, um mir irgendwas zu zeigen). Auf jeden Fall gelingt es ihm auch dieses Mal nicht, ich scheine zwar kurz interessiert, winke dann aber ab: Nordlichter gibts morgen auch noch und ich will jetzt weiterschlafen. Dass das nicht so ist und Jackie das letzte Mal dieses Naturschauspiel vor 12 Monaten erlebt hat, weiß ich in dem Moment nicht – und wahrscheinlich wäre es mir trotzdem egal gewesen. So verpasse ich auf jeden Fall die Aurora borealis. Am nächsten Morgen, als mir Chrissi die Fotos zeigt und mir die Lichter ganz genau beschreibt, ärgere ich mich natürlich wie blöde – schließlich waren gerade die Nordlichter im März einer der Hauptgründe, weshalb wir in den Yukon fahren wollten. Aber auch wenn ich das ganze Spektakel verschlafen habe: Chrissi hatte ein einmaliges Erlebnis und wurde fürs Augen-offen-halten in dieser schlaflosen Nacht mit einer unvergesslichen Erinnerung belohnt.

Finally: Die Nordlichter

Vom Sunshine Village zum Mount Shark

Nach der entbehrenden Zeit in Sundre war es für mich höchste Zeit mal wieder etwas Schönes zu machen und so hatte ich eine 5-tägige Wanderung durch die kanadischen Rocky Mountains im Nationalpark Banff geplant. Normalerweise muss man einen solchen Trip Monate im Voraus planen, da die Zeltplätze im Hinterland der Nationalparks sehr limitiert sind und die meisten schnell ausgebucht sind. Doch 2020 ist alles anders – die bestehenden Reservierungen wurden während des Lockdowns gecancelt und das Buchungssystem Angang Juni neu gestartet. Ich nutzte die Chance und suchte mir eine im Netz als einzigartig angepriesene Route aus. Lediglich zwei Tage nach dem Start des Reservierungssystems wollte ich mir dann die Campingplätze dann so buchen, dass ich nicht mehr als 15 km am Tag wandern müsste. Es sollte ja entspannt werden. Doch war ich wohl leider zwei Tage zu spät dran und so musste ich nehmen was übrig geblieben war. Dennoch freute ich mich, da ich für alle vier Nächte einen halbwegs passenden Campingplatz gefunden hatte und wohl auch nicht mehr als 20 km und ca. 1000 Höhenmeter an einem Tag wandern müsste. Daher war ich auch nicht allzu sehr gestresst, als wir am Morgen des ersten Tages noch mit Elliott im Schlammloch steckengeblieben sind und uns erstmal freischaufeln mussten. Die ganze Aktion hatte eine Weile gedauert, deshalb kamen wir später an als gedacht. Vom Startpunkt aus konnte man aber eine Gondel nehmen, die einem den Großteil des Anstieges abnahm. Am Parkplatz angekommen musste ich dann aber leider feststellen, dass die Gondel wegen eines gottverdammten Virus‘ geschlossen war und ich den Anstieg doch mit reiner Muskelkraft bewältigen musste. Ich verabschiedete mich von Sophie und lief los.

Unterwegs kam mir dann eine Gruppe von Wanderern entgegen, die sich köstlich darüber amüsierten, dass ich auf dem Weg zum Howard Douglas Lake Campground war, denn dies sei der wohl größte Umweg, den man machen könnte. Wir lachten alle herzlich darüber und als ich mich wieder auf die Socken machen wollte, bekam ich von einem älteren Mann der Gruppe noch den Hinweis, dass ich mein Bärenspray doch lieber an der Hüfte statt am Rucksack tragen sollte, denn der Bär würde im Falle des Falles wohl nicht darauf warten, bis ich den Rucksack abgesetzt hätte. Da ich ungern Bärenfutter werden wollte, nahm ich seinen Rat an, bevor ich schließlich weiter zog. Nur wenige Minuten nach dieser Begegnung fand ich ein paar übel riechende Haufen Bärenkot auf dem Wanderweg – aber vom Übeltäter war weit und breit nichts zu sehen. Als ich dann jedoch noch ein paar Minuten später meine Mittagspause machte, war mir schon etwas mulmig – ich hätte ungern all mein Essen schon am ersten Tage an einen Bären abtreten wollen.

Da ich schon viel zu spät gestartet war und die Gondel nicht fuhr, kam ich natürlich auch erst sehr spät abends und total erschöpft am Campground an. Zum Glück empfingen mich drei gut gelaunte Ladies, mit denen ich noch bis zum Sonnenuntergang am Ufer des Sees saß. Wir ließen uns von der Sonne, die sich herrlich im Wasser des Sees spiegelte, wärmen und quatschen über Gott und die Welt. Das Schöne an solchen Wanderungen sind eben nicht nur die Natur und die tollen Ausblicke, es sind oft auch die Begegnungen mit anderen Wanderern, die immer sehr ausgeglichen und zufrieden wirken. Der Alltagsstress kann einem hier oben eben sehr leicht abfallen. Kurz nachdem die Sonne dann hinterm Berg verschwunden war, kroch ich schließlich als erster völlig entkräftet in mein Zelt und muss innerhalb von Sekunden eingeschlafen sein. Am nächsten Morgen war ich dann auch der letzte, der den Campground wieder verließ – dafür jedoch frisch gebadet im eiskalten Gebirgsbach.

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich solche Abenteuer immer nur sehr gut vorbereitet starte und so kam es, dass ich am zweiten Tag nicht genau wusste, wo eigentlich mein Campground angedacht war. Daher unterhielt ich mich mit anderen Wanderern darüber, welche Möglichkeiten ich hatte und war nicht besonders begeistert, als sich herausstellte, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Der erste Campground wäre schon nach ca. 10 km erreicht und ich hätte meinen Tag sehr früh beenden müssen – der zweite war jedoch knapp 30 km entfernt, was mir wiederum angesichts der vielen Höhenmeter sehr viel vor kam. Ich wollte die Wanderung ja schließlich auch genießen. Letztendlich entschied ich mich für den weiter entfernteren Campground, wobei mir klar war, dass ich erst wieder sehr spät ankommen würde. Der Weg führte mich über eine wunderschöne von schneebedeckten Bergen umrahmte Hochebene mit tausenden blühenden Wildblumen, unterwegs sah ich allerlei kleine Nagetiere wie Bergmäuse, Streifenhörnchen, Murmeltiere und Eichhörnchen. Andere Wanderer begegneten mir dagegen nur sehr selten.

Ich lief am ersten Campground vorbei, als es ca. 1 Uhr gewesen sein muss. Ich erinnere mich, dass ich noch recht fit war und es mir leicht erschien, noch weitere 20 km zu laufen. Ich wusste jedoch nicht, dass es der heißeste Tag werden sollte und mir noch viele Höhenmeter bevorstanden. Nach der Hochebene gab es nämlich einen ziemlichen Anstieg zu überwinden. Hinter dem Hochpunkt änderte sich die Landschaft völlig von sanften blumenbedeckten Wiesen zu einer rauen Karstlandschaft mit den merkwürdigsten Felsformationen auf denen vereinzelte Fichten wuchsen. Da es an dem Tag so heiß war, ging mir auf halber Strecke zum nächsten See das Wasser aus. Ich war wieder total erschöpft und musste wegen der Hitze gefühlt alle zehn Minuten eine Pause machen. Als ich kurz vor dem See noch ein letztes Mal hielt, passierte mich ein Pärchen, mit denen ich im Laufe des Tages schon mal gequatscht hatte. Ich hoffte, sie könnten mir etwas Wasser geben, doch leider hatten auch die beiden keins mehr. Bis zum See waren es aber auch nur noch 20 Minuten. Dort angekommen füllte ich als erstes mein Wasser auf und unterhielt mich dann mit den dortigen Campern. Ich war so fertig, dass ich am liebsten auch dort mein Zelt aufgeschlagen hätte, aber leider brauchte man für diesen Campground eine Reservierung und in der rauen Karstlandschaft hätte ich keinen gescheiten Platz neben den extra dafür angelegten Plätzen gefunden. Einer der Camper meinte, ich solle einfach mein Zelt auf einem der Plätze aufschlagen. Da es schon so spät war und noch so viele Plätze frei waren, ging er davon aus, dass ohnehin nicht alle Plätze gefüllt werden. Aber was, wenn kurz nach Einbruch der Dunkelheit eine Gruppe von Wanderern mit Reservierung ankommt und ich für sie Platz machen müsste? Dann müsste ich den Weg bis zum nächsten Campground in der Dunkelheit laufen. Das war mir zu heiß und ich lief schließlich weiter zum nächsten Reiter-Gruppen-Campground, der vermutlich offiziell wegen Corona geschlossen war, denn außer mir war dort niemand anzutreffen. Gut für mich, so musste ich für die Nacht wenigstens nichts bezahlen.

Am nächsten Tag wurde ich vom Geräusch der auf mein Zelt einprasselnden Hagelkörner geweckt. Der Hagel schien sich mit Regen abzuwechseln. Da ich aber von der Nacht noch durchgefroren war und meine nächste Etappe nicht sonderlich lang war, hielt sich meine Motivation aufzustehen in Grenzen. In der vergeblichen Hoffnung, es würde bald aufhören, blieb ich bis weit nach 12 Uhr im Zelt liegen, doch es half nichts. Erst als ich mich aufgerafft hatte und alles eingepackt war, wurde es schließlich besser. Ich lief los und nach nur zwei oder drei Kilometern kam ich an dem Aussichtspunkt der Kanadischen Rocky Mountains an. Der schneebedeckte Mount Assiniboine mit seinem am Fuße liegenden Lake Magog. Leute lassen sich für viel Geld mit Helikoptern dort rauf fliegen, um dieses Panorama zu genießen. Man kann sogar Lodges buchen, deren gesamte Verpflegung ebenfalls per Helikopter angeflogen wird. Von der Bank am Aussichtspunkt genoss ich das Panorama bis das Wetter wieder wechselte. Unten am Ufer waren Wanderer zu sehen. Ich konnte von weiter Ferne beobachten, wie sich die Regenwolken langsam über den Gipfel des Berges schoben und erst über dem See und dann auch über Wanderern abregneten. Erst als sie bei mir angekommen waren, zog ich schließlich weiter.

Mein nächster Campground war am Marvel Lake, in dessen näherer Umgebung dutzende anderer kleinerer Seen und Wasserfälle sind. Von dort aus kann man sehr gut kleinere Tageswanderungen unternehmen. Für mich ging es aber am nächsten Tag weiter zum Campground an den Big Springs – einem Gebirgsbach, der direkt aus dem Fels eines großen Berges entspringt. Das Wasser kommt wortwörtlich einfach aus dem Berg geflossen. Dort traf ich noch einen anderen etwas älteren Wanderer, der mir erzählte, dass er normalerweise nicht an solchen überfüllten Orten wandern geht. Da muss man sich als Mitteleuropäer schon wundern. In den 4 Tagen in denen ich unterwegs war, hatte ich vielleicht mit insgesamt zehn anderen Wanderern gesprochen und war die meiste Zeit allein. Doch in Kanada gibt es eben so viel Platz und so viele Naturparks, dass man locker zwei Wochen wandern gehen kann, ohne auch nur einen einzigen Menschen zu treffen. Normalerweise würde er nur Bären begegnen, meinte er noch, als wir uns verabschiedeten.

Am letzten Tag war das Wetter wieder prächtig und ich hatte nur um die 12 Kilometer zu gehen, weshalb ich an jeder schönen Stelle anhielt und eine ausgiebige Pause machte. Ich ging ein letztes Mal im Gebirgssee baden, um mich für Sophie, die mich abholen sollte, frisch zu machen. Nach fünf Tagen war ich auch sehr froh, als ich Elliott schon aus der Ferne sah und Sophie darin auf mich wartete. Wir blieben noch lange am Parkplatz und tauschten uns darüber aus, was wir die letzten Tage erlebt hatten.

Corona-Isohaft in Kelowna & eine Entscheidung

Wir drehen um. Der Yukon will keine Besucher, Grenzen schließen und im Bus ist es kalt. Der kleine Gasofen ist kaputt und auch im Van ist die Stimmung nicht gerade sonnig. Neben der Enttäuschung über die angebrochene Reise sind es vor allem die Sorgen um Freunde und Familie zu Hause. Die Nachricht von der an Corona gestorbenen Großmutter einer italienischen Reisenden bei unserem letzten Workaway verschlimmert die Ängste um die eigene Omi. Jeden Morgen öffne ich Facebook, Instagram, Spiegel Online, die Süddeutsche. Muss mir Grenzen bei meinem Handykonsum auferlegen, damit mich die Last der Sorgen angesichts der Nachrichten nicht erdrückt.

back to kelowna

Wir ziehen am Rande von Kelowna in ein airbnb. Im Gegensatz zum nördlichen British Columbia hält hier im Okanagan Valley der Frühling Einzug, an den Bäumen sind die ersten Knospen zu sehen und es tut gut, die zweistelligen Minusgrade zumindest gegen etwas Sonne einzutauschen.

Wir versuchen, nur alle paar Wochen einkaufen zu gehen und uns ansonsten von Menschen fernzuhalten. Unsere Hosts haben die Unterkunft zuvor gründlich desinfiziert und auch wir begegnen einander nur mit ausreichendem Sicherheitsabstand. Ich versuche viel zu arbeiten, um mich abzulenken, doch Corona bleibt das einzige Gesprächsthema.

Um der trüben Stimmung zu entgehen, erkunden wir die umliegenden Regional Parks. Die größeren Provincial Parks sind ebenso wie die Nationalparks für Besucher geschlossen. Zum Glück gibt es rund um Kelowna einen Haufen schöner Parks und Wälder, die noch geöffnet sind. Wir gehen viel spazieren, teilen unsere Gedanken, versuchen den anderen auf andere Gedanken zu bringen. Nicht immer klappt das. Wir skypen viel mit unseren Freunden und Freundinnen zu Hause und merken, dass wir in Kanada trotz Krise immer noch weitaus mehr Freiheiten haben als das gerade in Deutschland der Fall ist. Dennoch nimmt besonders bei mir das Heimweh immer stärker zu und droht, mich zu überwältigen. Und so treffe ich Anfang April eine Entscheidung: Ich buche mir einen Flug zurück nach Deutschland. Reisen ist nicht mehr möglich, hunderte Work&Traveller sind trotz work permit heimgekehrt, da auch die Joblage äußerst dürftig ist.

Die nächsten Wochen sind seltsam. Wir beide wissen nun, dass ich Anfang Mai in einen Flieger der Lufthansa nach München steigen werde. Wir sind traurig, und doch bin ich auch froh, endlich eine Entscheidung getroffen zu haben, auch wenn die Christopher nicht mit einschließt – denn er bleibt hier, in der Hoffnung, dass sich die Lage doch noch ändert. Ich fange an, nach Wohnungen zu suchen, schreibe Bewerbungen für Jobs. Treffe Entscheidungen nicht als Partnerin in einer Beziehung, sondern ausschließlich für mich. Komme mehr als einmal an meine eigenen Grenzen.

Bevor mein Flug ab Kelowna über Vancouver nach Deutschland geht, besuchen wir noch einmal Ilona und die Farm, auf der wir im Winter einige Wochen verbracht haben. Es ist schön, sie und die Tiere noch einmal wiederzusehen – und gleichzeitig so seltsam, dass wir uns nicht umarmen können. Als unser zweites airbnb für die Nächte vor meinem Flug gecancelt wird, bleiben wir spontan noch ein paar Tage länger bei Ilona, auch wenn sie selbst nicht da ist. Dafür verbringen wir viel Zeit mit den „aktuellen“ Workawayern aus Irland, Stef und Aaron, trinken viele Biere, fahren Kanu und machen eine verbotene Wanderung auf die eigentlich für Besucher geschlossenen Enderby Cliffs.

Blick von den Enderby Cliffs auf das Shuswap Valley. Irgendwo geradeaus rüber im Wald liegt Ilonas kleine Farm.

Drei Tage vor meinem Abflug wird mir dann etwas mulmig: Ich kann den Flug nicht mehr im Buchungssystem finden und auf Facebook fragt mich eine andere Reisende verwundert, mit welchem Flieger ich denn ab Vancouver nach Deutschland fliegen will. Ich rufe bei Lufthansa an – und erfahre, dass der Flug gestrichen wurde. Und zwar bereits schon bereits vor drei Wochen. Eine Mail darüber? Habe man vergessen. Man könne mir aber einen Alternativflug zur selben Abflugzeit anbieten: Andere Airline, 38 statt 15 Stunden Flugzeit und dann auch nur bis nach Frankfurt. Von da müsse ich dann selbst sehen, wie ich weiterkomme. Hieße konkret: Noch einmal quer mit dem Zug durch die halbe Republik nach Dresden. Ein anderer Tag? Unwahrscheinlich, alle Flüge für Mai und Juni sind gecancelt. Ich schnaufe, erbitte mir Bedenkzeit und lege auf. Ich hab damit gerechnet, dass das passieren kann – denn die Nachrichten über die wirtschaftliche Schieflage von Lufthansa sind auch an mir nicht vorbeigegangen. Geglaubt habe ich daran aber, drei Tage vor meinem Abflug, nicht mehr. Die Iren sehen es als ein Zeichen: Ich solle bleiben, die Provinz Alberta beginne, nach und nach alles langsam wieder zu eröffnen und überhaupt sei der kanadische Sommer doch eh das schönste. Ich bin hin und hergerissen, denn die Gründe, weshalb ich nach Hause wollte, erledigen sich nicht von selbst. Rede mit meinen Freundinnen, verschiebe die Entscheidung auf den nächsten Tag. Am nächsten auf den übernächsten.

Montagmorgen. Mein Flieger ab Kelowna wird um 15 Uhr abheben. Ohne mich. Denn ein 38 Stunden Flug kam dann doch irgendwie nicht in Frage. Also bleibe ich. Und vielleicht soll das genau so sein.