Wie man Alpakas die Fußnägel schneidet

Unsere erste workaway-erfahrung

Nachdem sich unsere Zeit auf Vancouver Island dem Ende neigt, buchen wir die Fähre zurück aufs Festland. Ein neues Abenteuer steht an: Uns zieht es zurück ins Okanagan Valley, an den großen langgezogenen See, an dem wir schon unsere Weihnachtsfeiertage verbrachten. Dass dieser Ort noch zu einem Mittelpunkt unserer Reise werden wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Ganz im Norden des Okanagan Valleys liegt das kleine Örtchen Enderby. Oberhalb von Enderby schlängelt sich eine kleine Schotterstraße enge Serpentinen hinauf. Elliott kämpft ganz schön, wir müssen einen Gang runterschalten. Spät abends kommen wir schließlich Ende Januar an: Eine kleine Farm umsäumt von schneebedeckten Wiesen ist für die nächsten Wochen unser neues Zuhause. Wir tauschen Vanlife gegen Farmlife. Gastgeberin unseres ersten farmstays, das wir über die Plattform Workaway gefunden haben, ist Ilona: klein, drahtig und voller Energie. Mit ihr zusammen wohnen Schäferhund Jocko, die Kater Felix, Fritz und Oscar sowie die beiden Alpakas Daisy und Fiona, die Mini-Eseldamen Rosie und Holly und der Paso Fino Hengst Festival – das zweite Pferd Bella ist auf Kur in einer anderen Provinz. Herzlich werden wir von den beiden anderen Workawayern begrüßt, extra für uns gibt es vegane Pasta. Wir erzählen, trinken Wein und fühlen uns sofort wie zu Hause. Die beiden anderen Workawayer reisen in den nächsten Tagen ab – und Ilona ist darüber wohl ganz froh. Hat nicht so richtig geklappt mit dem Australier, der mit den Tonnen an Schnee wohl etwas überfordert war – kann man ihm auch nicht verübeln.

Alles ist weiß, der Schnee legt meterhoch in diesen Tagen und die Sonne lässt sich nur selten blicken. Morgens stehen wir gegen sieben Uhr auf, nach einer Tasse starken Kaffees geht es erst einmal raus auf die Koppel. Zum Frühstück gibts für alle großen Vierbeiner einen Batzen Heu. Während Pferd, Esel und Alpakas fressen, misten wir den Stall aus und sammeln die Hinterlassenschaften des Hundes vom ziemlich weitläufigen Grundstück auf. Danach erstmal wieder rein, wir sind durchgefroren und haben Hunger. Frühstück, noch mehr Kaffee und dann wollen natürlich Jocko und die Katzen auch nicht vergessen werden. Für die gibts aber nicht nur was zu fressen, denn Jocko und Oscar bekommen zusätzlich noch ihre Medikamente – schnell wird uns klar, dass Ilona und ihre Tiere eine ganz besondere Beziehung zueinander haben. Jocko kann keine Tränenflüssigkeit bilden, stattdessen läuft ihm beim Fressen der Speichel – aus dem Auge. Der Hund bekommt daher mehrmals täglich Augentropfen. Oscar, der älteste Kater hat wiederum Asthma – er muss nach dem Frühstück erstmal ans Inhaliergerät. Wie man eine Katze dazu bringt, zu inhalieren, ist mir ein Rätsel und bis heute frage ich mich, welche Tricks Ilona anwenden musste, um ihre Tiere so gut zu trainieren. Es ist schon was Besonderes, denn eins ist klar: Die meisten Tierbesitzer würden ihre Vierbeiner wohl einschläfern lassen (müssen), statt Unmengen an Geld für Training und Medikamente auszugeben.

Unser Tagesablauf auf der Farm ähnelt sich jeden Tag: Nach dem frühmorgendlichen Füttern haben wir frei. So erkunden wir in den nächsten Tagen die Umgebung, essen den besten Kuchen der Region im nahegelegenen Salmon Arm, machen Spaziergänge mit Jocko, spielen mit den Katzen. Ilona ist viel beschäftigt und wir versuchen ihr so viel Arbeit abzunehmen wie möglich. Nachmittags nochmal eine Fütterrunde, Kochen und Staubsagen – das ist unsere ganze Arbeit. Es ist warm und ruhig und genau das haben wir nach den letzten Wochen, die nicht immer einfach für uns beide waren, gebraucht. Anzukommen, raus aus dem kalten engen Van. Vanlife im Winter steht dann doch einfach nochmal auf einem anderen Blatt. Jetzt können wir uns nach der Enge der letzten Wochen etwas aus dem Weg gehen. Und ja, wir sind da offen: Das haben wir beide gebraucht.

Die Tage vergehen, wir machen Ausflüge mit Ilona, trinken Wein mit ihren Nachbarn und ich stehe zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder auf Skiern: Langlauf durch verschneite Wälder, es ist herrlich. Auch Chrissi, der vorher noch nie Skier an den Füßen hatte, hat ziemlich schnell den Dreh raus. Und wenn der Berg doch zu steil ist, kann man notfalls auch mit Hintern oder Gesicht bremsen. Unterwegs in den Wäldern entdecken wir in einer zauberhaften Lichtung eine Gruppe von Menschen, die gerade ein Dobbel-Iglu mit Verbindungsgang bauen. Sie laden uns ein ihr Werk von innen zu bestaunen und wir halten ein kleines Schwätzchen. Abends gibt’s heiße Schoki und warmes Katzenfell zum kraulen. Ilona und ich besuchen ein kanadisches Filmfestival und sehen einen ziemlich schlechten Sherlock Holmes Film. Größeres Projekt wird in den nächsten Wochen Ilonas Garage: Die muss ausgeräumt werden, weil Ilona sie zu einer Suite für ihre Workawayer umbauen will – mit Dusche, Küchenzeile und Schlafzimmer. Während wir tagelang die Garage ausräumen und alten Kram sortieren, fragen wir uns schon, wie ein einziger Mensch so viel Kram horten kann. Als wir weintrinkend durch alte Fotoalben und Sachen ihrer verstorbenen Mum stöbern, wird mir bewusst, wie belastend es sein kann, wenn man nicht nur das eigene Leben, sondern auch noch das eines anderen Menschen jahrzehntelang mit sich herumschleppt. Ilona sitzt bis weit nach Mitternacht in Stapeln alter Fotos, Aufzeichungen und Briefe. Am Morgen danach, als das Chaos beseitigt ist und nur noch acht schwarze Müllsäcke von der Arbeit der letzten Tage übrig sind, sagt sie mir, dass sie das niemals ohne uns geschafft hätte. Und ich fühle mich, als hätte ich ein paar Schritte zu viel in das Leben eines anderen Menschen gemacht.

Ein paar Wochen später entschließen wir uns, Langlaufskier gegen Abfahrtskier einzutauschen. Ich selbst bin bisher nur zweimal Abfahrt gefahren, Chrissi als Snowboarder gar nicht. Das Local Special im örtlichen Skigebiet erlaubt uns eine Skistunde inklusive Ausrüstung für gerade einmal 40 CAD zu nehmen und wir nutzen unsere Chance. Unser holländischer Skilehrer ist ein Herz und ich bin ein bisschen neidisch auf sein perfektes Englisch. Schneller als gedacht habe ich den Dreh raus und kurve im Slalom den Anfängerhügel runter. Chrissi hat da dann doch etwas mehr Schwierigkeiten und ich verkneife mir nur deswegen nicht das Lachen, weil er mich sowieso nicht hört.

Eines Morgens erhält Christopher von Ilona eine besondere Aufgabe: Er muss ran an die Alpakas, Zehennägel schneiden. Die sind nämlich ziemlich lang geworden über den Winter und wie beim Menschen auch, muss da halt mal die Nagelschere ran. Die aber eher aussieht wie eine Heckenschere. Der Alpaka-Mann kommt vorbei und gemeinsam gehen wir zu viert zu unseren Opfern. Die sind natürlich so gar nicht amused, lassen sich aber zumindest die Halfter über die Köpfe ziehen. Während Fiona alles über sich ergehen lässt, haben Chrissi und der Alpaka-Mann mit Daisy ziemlich zu kämpfen und es sieht zugegebenermaßen etwas brutal aus, wie die beiden Männer das Tier in eine Ecke drücken, um die Fußnägel schneiden zu können – aber wer will schon selbst einen Hufabdruck auf der Stirn haben? Denn so ganz ohne sind die Tiere nicht, sie haben mit ihren 120 Kilogramm weit mehr Kraft als gedacht. Irgendwann ist es geschafft und die beiden Alpakadamen stieren uns pissig an. „You thought you did enough weird chores? See, now you can add cutting alpaca feet, too“ sagt Ilona und lacht.

Der Winter endet nicht, immer wieder müssen wir mit dem Quad den Schnee schieben. Frühling ist nicht in Sicht. Wir beschließen, unseren Aufenthalt um zwei weitere Wochen zu verlängern – unsere Lust, zurück in die Enge des Vans zu ziehen, hält sich noch in Grenzen. Zugleich beginnen die Tage, sich immer mehr zu ähneln und manchmal gibt es Momente, in denen wir drei uns gehörig auf die Nerven gehen. Umso entspannter ist unsere letzte Woche auf Ilonas Farm, in der wir allein sind und dieses neu gewonnene Sturmfrei ziemlich genießen. Es hatte dann doch mehr als einen Grund, warum wir vor Jahren bei unseren Eltern ausgezogen sind – und uns nicht danach sehnen, dass Ilona die Mutterrolle für uns einnimmt. Nichtsdestotrotz ist der Abschied schmerzhaft, als es Anfang März weitergeht. Das nächste Abenteuer ist geplant und unsere Sachen gepackt. Elliott hat in den letzten Tagen noch ein Makeover bekommen: frische Farbe, dicke Schafsfelle und Bilder an der Wand machen sie jetzt zu einem ziemlich gemütlichen Zuhause. Wir freuen uns, dass es weiter geht, denn wir merken – es ist Zeit zu gehen. Wasserkanister auffüllen, Eselohren nochmal kraulen, ein Abschiedsfoto mit Ilona. Dann steigen wir an diesem sonnigen Tag Anfang März in den Bus. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter – wie ich Abschiede hasse. Ich trete aufs Gaspedal, Elliott spuckt hustend schwarzen Qualm aus dem Auspuff, wir winken und fahren los – in Richtung Yukon.