Von Kälbchengeburten bei -25 Grad und Sofas auf Skiern

Rückblick: Auf dem Weg in den Yukon

Wir verlassen Enderby, Ilona und die Farm am 9. März. Das Ziel: Der Yukon. Als eins von drei Territorien ist es nicht selbstverwaltet wie die restlichen zehn Provinzen Kanadas, sondern steht unter der direkten Kontrolle der Regierung in Ottawa. Das hat unter anderem mit der äußerst dünnen Besiedlung des Yukons zu tun: 3/4 der gerade einmal 38.000 Einwohner wohnen in der Hauptstadt Whitehorse – das Endziel unserer geplanten Reise. 40 Kilometer außerhalb von Whitehorse haben wir ein neues Workaway auf einer Farm gefunden – harte körperliche Arbeit, Solarstrom und kein fließendes Wasser bei zweistelligen Minusgraden. Naja, die Erfahrung ist es wert – und es ist ja auch nur für zwei Wochen. Während unseres ersten Workaways haben wir gemerkt, wie viel schöner es ist, für längere Zeit an einem Ort zu sein, als alle paar Tage „weiterzuhetzen“. Nicht nur ab und an den Bus gegen ein warmes Haus und den Luxus einer Dusche (gerade im kanadischen Winter) einzutauschen, sondern die Menschen richtig kennenzulernen. Unser Englisch hat sich in den sechs Wochen bei Ilona ziemlich verbessert und Dinge wie Alpakas die Zehennägel zu schneiden – hätten wir sonst wohl nicht erlebt. Dennoch freuen wir uns auf die Reise in den Yukon, denn es ist Zeit, weiterzuziehen – und mit ein wenig Glück Nordlichter zu sehen.

So starten wir mit milden Temperaturen und Sonnenschein in Richtung Norden. Diese Frühlingsboten werden wir schneller hinter uns lassen, als uns lieb ist. Wir planen für die 2.500 km lange Strecke etwa drei Wochen ein. Genug Zeit zum Anhalten, Entdecken, Längerbleiben. Wir haben uns nicht fest mit den Hosts im Yukon verabredet, wollen keinen Zeitstress – vor allem nicht, da wir in einem 30 Jahre alten Van unterwegs sind. Unser Weg führt uns in unseren ersten richtigen Nationalpark, für den wir noch schnell für 150 CAD einen Parkpass bestellen. Ohne darf man nämlich in keinen der 47 kanadischen Nationalparks (dass das im Winter absolut niemanden interessiert, wussten wir da noch nicht). Wir verbringen die erste Nacht auf dem verschneiten Rogers Pass im Glacier National Park. Hier stehen wir zusammen mit einigen hartgesottenen Campern, die in den Bergen Ski fahren. Wir ignorieren das No Overnight Parking-Schild und quatschen ein bisschen mit den Leuten vor Ort. Schnell haben wir alle möglichen Tipps zu Lokalitäten und Orten, die wir unbedingt auf unserer Reise in den Yukon besuchen sollen. Ich versuche mir die Empfehlungen zu merken – und vergesse alles. Nach einem Kaffee und dem Besuch im Visitor Center, bei dem wir noch etwas über die heimische Tierwelt (Bären, Luchse, Mountain Goats, Cougars) und die heimische Lawinenwelt (eigentlich durchgängige Gefahr) lernen, machen wir uns auf in Richtung Jasper.

unser erster nationalpark – jasper

Jasper liegt an der Grenze zwischen British Columbia und Alberta. Von Banff aus geht die Fahrt 288 Kilometer über den verschneiten – und im Sommer vielleicht noch beeindruckenderen – Icefields Parkway in Richtung Norden. Im Sommer bevölkern Touristenmassen den Park, auch wenn diese sich dank seiner Größe mehr verlaufen als in seinem Bruder Banff. Wir planen zwei Nächte in Jasper, was rückblickend betrachtet viel zu wenig Zeit ist. Da es in Jasper wie in den meisten Nationalparks verboten ist, wild zu campen, fahren wir mit Elliott auf den einzigen Campingplatz, der in der Nebensaison geöffnet hat. Außer uns befinden sich gerade einmal fünf oder sechs andere Camper auf dem riesigen Platz. Nach einer heißen Dusche gibt es abends endlich, endlich das erste Lagerfeuer. Das habe ich mir ziemlich lange gewünscht und musste auch extra mit einem Fire-Permit erkauft werden. Es gibt Stockbrot und Rotwein. Zufrieden schlafen wir ein. Der Blick morgens aus dem Fenster ist atemberaubend: Grau mit schneebedeckten Gipfeln türmen sich die Rocky Mountains rechts von uns auf, die Spitzen in den Wolken versunken. Der Nationalpark Jasper liegt mitten in den Rockys – hier reihen sich Postkartenmotive an Postkartenmotive. Wir fahren in den kleinen gleichnamigen Ort und leihen uns Schneeschuhe aus. Schneeschuhwandern ist gar nicht mal so einfach wie wir dachten, statt normal zu laufen sehen wir aus wie zwei watschelnde Enten. Als wir es dann raus haben, geht es doch ganz gut und wir machen einen Spaziergang durch den Tiefschnee, über einen gefrorenen Bach hinein in einen kleinen Canyon. Entlang der malerischen Maligne Lake Road geht es vorbei am Medicine Lake zum Maligne Lake. Wo sich im Sommer die Touristen tummeln, haben wir das Gefühl, den kompletten Nationalpark für uns zu haben.

Couchsurfing in Prince George

Von Jasper aus geht es weiter Richtung Norden. Unser nächstes Ziel ist Prince George im Norden von B.C. Hier wollen wir via Couchsurfing zwei Nächte bei Britta und Dan verbringen. Aus den zwei Nächten werden vier und wir verbringen wohl eine der bisher schönsten Zeiten in Kanada. Britta kommt eigentlich aus Deutschland und ist mit ihren Eltern als Kind ausgewandert. Ihr Vater, der mit auf dem großen Grundstück lebt, freut sich sichtlich, mal wieder Deutsch zu reden. Wir fühlen uns sofort zu Hause. Wir besuchen die Tiere auf der Farm (Hühner, Schweine mit klitzekleinen Ferkeln, Rinder und Pferde) und Britta und ich können sogar eine Runde reiten. Ist bestimmt 5 Jahre her, dass ich das letzte Mal auf einem Pferd saß. Ich denke mir, naja wird wohl wie Fahrradfahren sein, das verlernt man nicht – Pustekuchen, ich hab wirklich so gut wie alles vergessen und meist fällt mir zu spät ein, was meine Beine und Fersen da tun – nämlich dann wenn Dove, die dicke weiße Pferdedame, mürrisch lostrabt oder alternativ stocksteif stehen bleibt und einfach umdreht, um zurück in den warmen Stall zu laufen. Zugegeben, verübeln kann man es ihr nicht – denn wir erleben mit -25 Grad in Prince George die bisher kältesten Tage und Nächte. Umso dankbarer sind wir, diese nicht in Elliott, sondern einem warmen Bett verbringen zu können. Am nächsten Morgen macht eine Kälbchengeburt das Landleben-Erlebnis unvergessen. Der schwarzen, flauschigen Kuh geht es nicht gut und Britta und Dan müssen sie bei der Geburt unterstützen. Wir ziehen uns hinter einen großen Heuballen zurück, um die gestresste Kuh nicht weiter zu stören. Nach einigen Minuten lauten Muhens auf Seiten des Tieres und angestrengten und gleichzeitig vorsichtigen Ziehens auf Seiten der Menschen, ist es geschafft: Ein kleines schmieriges und zitterndes Kälbchen erblickt das Licht der Welt und muss erstmal lange von seiner Mutter trockengeschleckt werden, bevor es auf dünnen Beinchen aufsteht und das erste Mal trinkt. Die Situation ist so berührend, dass mir hinter meinem Heuballen die Tränen kommen. Schnell versuche ich, sie wegzublinzeln. Will mich hier jetzt schließlich auch nicht als Stadtkind outen. Nachmittags erleben wir, wie Kanadier mit gefühlten 10 Monaten Winter und 2 Monaten Sommer wirklich umgehen: Wir binden ein altes Sofa auf Skiern an ein Quad, und heizen damit über die schneebeckten Wiesen. Ich weiß nicht, was mir mehr die Tränen ins Gesicht treibt: Der beißende, eiskalte Wind oder die nicht enden wollenden Lachanfälle. Wir essen das größte Eis unseres Lebens bei -10 Grad und machen mit den Hunden lange Spaziergänge. Abends versuchen wir Dan für vegetarisches Essen zu begeistern und schauen Jagd–TV Shows (the real Canadian Life halt). So geht unsere Zeit in Prince George zu Ende und wir fahren mit dem Versprechen, uns möglichst im Sommer im Okanagan Valley wiederzutreffen. Ich bin betrübt, als wir den Hof verlassen und mit Elliott über die vereiste Zufahrt schlittern – denn in Dan und Britta haben wir die ersten richtigen Freunde in Kanada gefunden.

Die nächsten Tage führen uns auf dem Highway 97 durch unschöne Städte, aber umso schönere Natur. Nadelwälder so weit das Auge reicht, schneebedeckte Wiesen, gefrorene Flüsse. Obwohl die meisten Tiere Winterruhe halten, begegnen uns zumindest Rehe und wir sehen sogar Wölfe. Auf Empfehlung von Dan und Britta fahren wir nach Tumbler Ridge, um zu einem Wasserfall zu wandern. Wir landen am Ende bei einem ganz anderen und schaffen es nur mühsam mit Schneeketten zum Ausgangspunkt der Wanderung. Der tatsächliche Wanderparkplatz ist verschneit, die Zugangsstraße nicht geräumt. Wir suchen uns eine halbwegs geräumte Stelle zum Übernachten und sind natürlich die einzigen. Am nächsten Tag brechen wir am späten Morgen zur Wanderung auf, die sich als eine ziemliche Tortour herausstellen soll. Im Sommer sicherlich ein schöner Tagesausflug mit vielen Haltepunkten und Lookarounds, ist die Strecke im Winter einfach nur pain in the ass: Die steilen Pfade sind verschneit und vereist, ich bewege mich abwechselnd auf Knien im Vierfüßlergang oder rutschend auf meinem Hintern fort. Wir kommen nur langsam voran und immer wieder habe ich tierische Angst auf bereits aus der Winterruhe aufgewachte Bären oder Elche zu treffen, wenn es irgendwo in den Bäumen knackt. Bärenspray haben wir natürlich wie immer keins dabei. Nach den ersten 3 Stunden gibt es zumindest ein Belohnungsbier am Fluss. Als wir nach 4 Stunden endlich an dem wirklich beeindruckenden zugefrorenen Wasserfall ankommen, bin ich fix und fertig. Ein paar schnelle Fotos und dann müssen wir auch schon wieder zurück – denn es dunkelt bereits und die teilweise sehr schmalen, vereisten Pfade mit den nach links und rechts steil abfallenden Abhängen wollen wir wirklich nicht im Dunkeln laufen. Wir schaffen es nach 3 Stunden mit Nachteinbruch zurück zum Van. Stolz und völlig fertig reicht es noch für Tee und Abendbrot, bevor wir ausgehen.

Ein gefrorener See mit duzenden Häuschen zum Eisfischen, viele haben einen Kamin eingebaut
ein engel auf dem Highway

Weiter geht es nach Dawson Creek. Internet- bzw. überhaupt Telefonempfang gibt es auf der Strecke fast nie. So bekommen wir erst spät mit, was wirklich während Reit- und Quadausflügen und Mörderwanderungen in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt geschieht. Bei Dawson Creek haben wir schließlich unsere erste Autopanne. Während auf dem Highway die Motorlampe aufleuchtet und ich mich noch kurz wundere, wie der nasse Kies unter Elliott so dermaßen aufstauben kann, schreit mich Chrissi vom Beifahrersitz schon an, sofort anzuhalten und den Motor auszumachen. Aus der Motorhaube quillt im gleichen Moment dermaßen viel weißer Rauch, dass auch mir jetzt klar wird, dass es nicht der Kies war, der da so staubt. Wir steigen schnell aus dem Bus und öffnen die Motorhaube, damit der völlig überhitze Motor abkühlen kann. Wir warten eine Stunde, bevor wir etwas Kühlflüssigkeit nachfüllen und es nochmal versuchen wollen – zumindest zurück zur Stadt, damit wir Elliott notfalls zur Werkstatt bringen können. Wir schaffen es gerade einmal 500 Meter, bevor das Auto vorne wieder in weißem Rauch aufzugehen scheint. Entnervt steigen wir aus – mit einer Fortbewegung von 500 Meter pro Stunde brauchen wir so einige Tage, um zurück nach Dawson Creek zu kommen – und dann vielleicht mit kompletten Motorschaden. Doch noch als wir so rumstehen und ratlos auf die rauchende Motorhaube starren, hält ein weißer Pick up neben uns und ein Typ steigt aus. „Hey ihr seht aus, als bräuchtet ihr Hilfe, what’s going on?“ Wir erklären ihm, dass der Bus scheinbar Kühlerflüssigkeit verliert und wir zwar schon nachgefüllt haben, jetzt aber auch keine mehr hätten. Und dann kommt es zu einer etwas bizarren Situation: Der Typ holt einfach 3 Kanister mit á 15 Litern Kühlflüssigkeit aus seinem Pick up und füllt die in Elliott. Der immer noch heiße Bus zischt und spuckt wie ein Vulkan und wir fragen uns, wie es sein kann, dass so viel Coolant rein passt, wo wir selbst immer nur ein paar hundert Milliliter nachgefüllt haben. Dann passiert es: mit einen Plopp laufen 20 Liter Kühlflüssigkeit im Strahl unten aus Elliott wieder raus, als wäre sie inkontinent. Jesus, da haben wir das Problem. Doch eigentlich ist es gar keins, denn schon liegt der Kanadier mit einem Hammer mitten auf dem Highway unter unserem Bus und hämmert (was auch immer, ich habe absolut keine Ahnung) irgendwas wieder fest, um das Auslaufen der Kühlflüssigkeit zu stoppen. Es funktioniert, sodass wir zumindest die 10 Kilometer zurück in die Stadt schaffen können. Noch ein bisschen neue Kühlflüssigkeit und dann grinst uns der Typ an und verabschiedet sich. Wir wollen ihm zumindest die 3 Kanister nicht gerade billige Kühlflüssigkeit bezahlen – doch er lehnt ab. Als er ins Auto steigt, sind wir baff – da haben wir wohl wirklich so etwas wie einen Engel getroffen. Und wir sind uns sicher: In Deutschland hätten wir dafür weitaus größeres Glück gebraucht.

Eine Entscheidung

Während Elliott in der Werkstadt repariert wird, beschäftigen wir uns das erste Mal ausgiebig mit der Corona-Situation. Uns wird angesichts der Geschichten aus Italien und Spanien ganz anders. Nicht nur Deutschland befindet sich im Lockdown, auch in Kanada macht nach und nach immer mehr zu. Auch wenn die Fallzahlen zu dieser Zeit gerade einmal 1/10 derer in Deutschland betragen, schließen Recreation Center, Campingplätze, Geschäfte und schließlich auch National- und Provincial Parks. Ich höre, dass die Bewohner des Yukons keine Reisenden mehr haben wollen. Zwar ist bisher nur die Grenze in die Nordwest-Territorien geschlossen, doch es scheint so, als würde auch die in den Yukon bald nachfolgen. Wir wissen nicht, was wir machen sollen. Wir sind immer noch 1500 km von Whitehorse entfernt. Selbst wenn wir durchballern, brauchen wir dafür mindestens 9 Tage – wer weiß, ob die Grenzen bis dahin noch offen sind. Außerdem will ich auf keinen Fall für Monate im Yukon feststecken, denn eigentlich haben wir so oder so nur 3 Wochen geplant, bevor es mit der Fähre durch Alaska wieder zurück auf Vancouver Island gehen soll. Ich schreibe mit den Hosts des nächsten Workaways. Bin mir unsicher, denn ich möchte selbst auf keinen Fall eine Gefahr für andere darstellen – und ganz besonders nicht im ländlichen Yukon, in dem es kaum ausreichende medizinische Krankenversorgung gibt. Wir diskutieren, streiten. Mir geht der Arsch auf Grundeis, überlege sogar nach Hause fliegen. Dazu noch eine Nachricht aus Deutschland, die mir die Heimweh-Tränen in die Augen treibt. Wir beschließen, für einige Nächte in ein Motel zu ziehen. Ich hänge ununterbrochen am Handy, lese so viele Nachrichten, bis es mir schlecht geht. Ich lese auf der Webseite der Fähre durch die Alaska Inside Passage, dass alle Reisenden während der Fahrt im Auto unter Deck bleiben müssen und nur ausnahmsweise für die Toilette aussteigen dürfen. Also nichts mit Whale Watching. Wir diskutieren, ich versuche Chrissi davon zu überzeugen, dass wir unter diesen Umständen auch keine 600 CAD für die Fährfahrt zahlen sollten. Am Ende einigen wir uns darauf, die Fahrt zu canceln, was glücklicherweise auch funktioniert. Die Tage im Motel sind nicht schön. Alles steht in den Sternen: Wie soll es weitergehen? Umdrehen? Weiterfahren? Nach Hause fliegen? Bis auf weiterfahren stehen bei mir alle Optionen offen. Chrissi will am liebsten weiter in den Yukon, kann sich nicht vom Ende seiner Pläne verabschieden. Es ist anstrengend. Ich versuche, von Whitehorse einen Flug nach Deutschland zu buchen. Kann man vergessen. Am Ende entscheiden wir uns für einen Kompromiss: Wir drehen um. Buchen uns ein airbnb in Kelowna und warten ab, wie sich die Situation entwickelt. Wir packen die Sachen, tanken Elliott voll und fahren schwermütig zurück, 1000 Kilometer Richtung Süden. Es ist die richtige Entscheidung.

Düsterwald-Nebel zu Weihnachten

Wir hatten uns vor Fahrtbeginn gut überlegt wann wir losfahren müssten, um noch vor Einbruch der Dunkelheit in Kelowna anzukommen, da wir unsere Scheinwerfer nicht ohne Grund als „Funzel“ bezeichnen. Natürlich hatten wir die Aktion mit dem Wischwasser nicht mit einkalkuliert und so mussten wir am Ende noch gut eine Stunde im Dunkeln durch die verschneiten, kurvigen Gebirgsstraßen der Columbia Mountains fahren. Knapp 70 Kilometer vor unserem Ziel warnte uns ein großes Schild mit Aufschrift „Dense fog – 60 km ahead“ vor schlechter Sicht auf dem kommenden Abschnitt. Wie dicht der Nebel aber tatsächlich werden sollte, haben wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt. Es ging von nun an fast nur noch bergab, weshalb ich dank Automatikgetriebe eigentlich permanent auf der Bremse stand. Auch die noch kurze Zeit vorher an uns vorbeigerauschten Trucks wurden nun verdächtig langsam und die roten Lichter ihrer Bremsleuchten verteilten sich im immer dichter werdenden Nebel diffus in allen Richtungen und schränkten so die ohnehin schon schlechte Sicht noch weiter ein. Dies verleitete mich schließlich dazu die mittlerweile zusammengeraufte Gruppe von sechs Fahrzeugen einfach zu überholen. Schnell musste ich dafür nicht fahren – alle hatten ihre Geschwindigkeit bereits auf etwas mehr als Schritttempo reduziert. An der Spitze der Kolonne angekommen, konnte ich dann auch verstehen warum. Man erblickte vorn nämlich nur ein riesiges schwarzes Loch – der Nebel schien jedes Licht komplett zu schlucken, da brauchten wir es mit unserer Funzel gar nicht erst versuchen. Ich blieb dann also auf dem Highway fast stehen, um der Kolonne zu signalisieren „Leute, ich fahr hier ganz sicher nicht vor“ und wurde dann schließlich auch von einem mutigen Fahrer mit etwas moderneren Leuchten überholt. Sophie hatte sich vor Nervosität mittlerweile schon alle Nägel abgekaut und hatte uns sicher auch schon als Bärenfutter am Straßenrand liegen sehen. Doch soweit ist es zum Glück nicht gekommen. Der mutige Fahrer geleitete uns sicher aus dem lichtschluckenden Düsterwaldnebel heraus und wir kamen letzten Endes doch noch sicher in Kelowna an.

Der nächste Tag – ein froher Weihnachtsmorgen. Nach der etwas nervenaufreibenden Fahrt am Tag zuvor wollten wir es jetzt etwas ruhiger angehen lassen und hatten uns vorgenommen einen Teil des Kettel Valley Rail Trails zu bewandern – quasi als etwas ausgedehnteren Weihnachtsspaziergang. Der berühmte Trail verläuft auf einer alten Bahntrasse, die gebaut wurde, um Silbererz aus den Kootenays Mountains bis nach Vancouver zu transportieren. Wir hatten uns für den als spektakulärsten beschriebenen Abschnitt entschieden, welcher durch den Myra Canyon führt und mit einem fantastischen Blick auf die kurvenreiche Schlucht auftrumpfen soll. Aber auch diesmal hatte uns ein dichter Nebel den angekündigten Panoramablick auf die Schlucht verwehrt. Wir ließen uns davon aber nicht die gute Stimmung versauen, denn irgendwie sorgte der Nebel im Zusammenspiel mit dem weichen Schnee auch für ein sehr heimeliches Weihnachtsgefühl. Die Stille, die uns dort oben umgab, war faszinierend und wirkte fast ein wenig beklemmend. Weit und breit gab es weder Straßen noch Siedlungen und auch die hiesigen Tiere hielten ihren Winterschlaf. Nur ein paar Hasenspuren konnten wir im Schnee ausmachen. Insgesamt waren wir circa fünf Stunden auf dem Trail unterwegs. Länger hätten wir auch nicht bleiben können, denn diesmal wollten wir wirklich vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Kelowna sein. In diesen fünf Stunden hatte es die Sonne nur einmal kurz geschafft die dichte Nebeldecke aufzureißen und uns so einen kleinen Blick ins Tal zu gönnen. Die ersten Sonnenstrahlen nach so langer Zeit fühlten sich an wie unser ganz persönliches Weihnachtswunder. Der Blick ins Tal war jedoch etwas ernüchternd, da wir nicht wie erwartet einen zauberhaft dichten Nadelwald vorfanden, sondern stattdessen eine ziemlich karge Landschaft mit vielen toten Bäumen. Die Gegend hier hat bereits schwer mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen. In den vergangenen Sommern kam es nämlich wegen anhaltender Dürren immer wieder zu heftigen Waldbränden, die nicht mehr unter Kontrolle zu bringen waren. Es wird Jahrzehnte brauchen bis die Natur sich davon wieder erholt – vorausgesetzt in den kommenden Sommern fällt mehr Regen als zuletzt. Uns stimmte das Ganze sehr nachdenklich und wir beschlossen vorerst nach Kelowna zurückzukehren.