Auf nach Manitoba!

Vom südlichen Saskatchewan geht es Ende August weiter Richtung Osten nach Manitoba. Der erste Halt ist der Riding Mountain Nationalpark. Da wir einen einjährigen Parkpass für alle Nationalparks haben, kostet uns der Spaß nichts und wir versuchen, so viele Nationalparks wie nur irgendwie möglich mitzunehmen. So waren wir bisher unter anderem in den Grasslands und natürlich in den Rocky Mountains. Der Riding Mountain ist zwar ein bisschen unspektakulärer als unsere letzten Nationalparkbesuche, aber das stört uns gar nicht. Es gibt nicht so viele Trails zum Wandern, dafür jedoch viele kleine Seen, Badeplätze und Feuerstellen. Da es Ende August sogar in Kanada richtig heiß ist, hält sich unsere Lust auf lange Wanderungen sowieso in Grenzen. Schön ist auch, dass sich zur Abwechslung mal niemand darum schert, wo wir stehen und so campen wir zwei Nächte – eigentlich illegal – direkt am See im Park. Mit Picknicktisch, Feuerstelle und sogar vorgeschnittenem Feuerholz (in allen Parks und Naturschutzgebieten ist es verboten, einfach Holz aus den Wäldern zu verfeuern) haben wir unseren privaten Campingplatz – und das auch noch ganz kostenlos. 

Nach ein paar Tagen im Riding Mountain beschließen wir ziemlich spontan, noch ein kleines Workaway zu machen. Ken hatte uns auf der Workaway-Plattform angeschrieben und gefragt, ob wir vorbeikommen möchten. Zufälligerweise sind wir genau zu diesem Zeitpunkt keine Stunde entfernt – und ein solcher Zufall ist in Kanada eher ungewöhnlich. Und so fühlt es sich auch ein bisschen nach Schicksal an, als wir zu Ken und Darleen nach Sandy Beach fahren. Wir haben nicht viel Zeit, nur 4 Tage, dann müssen wir weiter in Richtung Ontario. Chrissi hatte (bereits zum zweiten Mal) Ersatzteile für unseren kleinen Gasofen im Van bestellt, die zurück in die USA geschickt werden würden, wenn wir sie nicht rechtzeitig abholten. Aber auch 4 Tage sind besser als nichts, und nach den vier Wochen bei Jacky und ihrer Familie in Saskatchewan wollen wir ehrlich gesagt auch lieber unsere Ruhe. Von workaway zu workaway fahren, wie das unsere beiden slowenischen Freunde Sandra und Andrej machen, könnten wir wohl nicht – dafür lieben wir nicht nur das Leben im Bus viel zu sehr, sondern auch unsere Privatsphäre.

But anyway, wir sind für kanadische Verhältnisse so nah dran und irgendwie möchten wir auch etwas zurückgeben, an Kanada und die Menschen, die wir hier kennenlernen durften. Und da Ken und Darleen etwas Unterstützung brauchen, um ihr Haus zu verkaufen, scheint dies eine gute Gelegenheit. Warum es zum Verkauf kommt, erfahren wir jedoch erst später – und werden ziemlich traurig.

Doch zunächst biegen wir mit Elliott einmal wieder auf ein wunderschönes Grundstück ein. Der private Zufahrtsweg ist von Birken gesäumt und zieht sich sicherlich einige Kilometer. Er mündet an zwei großen Häusern, beide weiß mit grünen Dächern. Das schönste aber ist zum einen ein riesiger, in allen Farben blühender und von Früchten nur so überquellender Garten – und ein ebenfalls nicht gerade kleiner privater (!) See, auf dem ein großer Schwarm weißer Pelikane schippert. Oh man. Wie so oft haben wir schon gedacht: Das toppt nichts mehr – doch jetzt sind wir uns sicher, dass wir das höchste der Gefühle erreicht haben. Und eins freut uns noch mehr: Darleen und Ken sind seit 40 Jahren Vegetarier und leben seit 9 Jahren vegan. Ein Paradies für uns und als wir den Garten sehen, wissen wir bereits: die nächsten vier Tagen werden ein kulinarisches Fest. Da das Essen bei Jackie nicht so richtig pralle war und häufig nur aus Fertiggerichten bestand, freuen wir uns umso mehr.

Unsere Hosts sind noch nicht da, daher werden wir von einer Freundin willkommen geheißen. Wir machen uns gleich mal nützlich, und während wir allerlei Zutaten für Salat und Nudelpfanne schnippeln, erzählt uns Shirley, dass Ken und Darleen im Krankenhaus sind, aber bald kommen. Wir schlucken und als wir fragen, was passiert sei, sagt uns Shirley, dass die beiden uns das später selbst erzählen. 

Schließlich kommen die beiden. Ken, um die 60, mit einem grauhaarigen Vokuhila und einem verschmitzten Lächeln im Gesicht und Darleen, eine sehr leise und sanfte, mehr noch zarte und zerbrechliche Frau. Sie hat Krebs. Und mehr oder weniger genau aus diesem Grund sind wir hier. Denn das Haus muss verkauft werden, damit die beiden näher zur Stadt, zum Krankenhaus und der notwendigen medizinischen Versorgung ziehen können. Ken zeigt uns das Grundstück und erzählt uns alles. Es bricht uns das Herz. Gerade einmal vor drei Jahren sind die beiden mit dem Bau ihres Traumhauses fertig geworden. Früher arbeiteten die beiden als Versicherungsmaklerin und Immobilienmakler und haben mit dem Großprojekt Traumhaus erst begonnen, als sie in Rente gegangen sind. Das Haus ist wunderschön, ebenso wie das Grundstück. Es liegt komplett abgeschieden am bereits erwähnten See, zu dem nur sie Zugang haben. Angefangen haben sie vor 8 Jahren mit dem Bau einer kleinen Cabin aus Holz, um erst einmal irgendwo wohnen zu können. Später kam ein Duschhaus hinzu, mit einer kleinen Sauna. Geheizt wird mit einem Holzofen, das ist auch bei dem großen Wohnhaus die einzige Wärmequelle. Strom gibt es ausschließlich aus Solarenergie, weshalb man die elektrischen Geräte nur bis circa 17:30 abends unbegrenzt (im Sommer) benutzen kann. Danach werden die tagsüber geladenen Batterien angezapft, ähnlich wie in Elliot nur alles eine (oder eher zwei) Nummer(n) größer. Das Warmwasser wird ebenfalls mit erneuerbaren Energien erwärmt, über den Tag hinweg mit Sonnenenergie, abends mit dem Feuer des Holzofens. Ken zeigt uns das zweite große Haus direkt neben dem Wohnhaus. Es ist eine große Werkstatt, so groß, dass man ohne Probleme ein Bott drin bauen könnte. Über der Werkstatt hat er später noch ein zweites Geschoss mit einer Wohnung gebaut, in die die beiden gezogen sind, als es in der Cabin zu eng wurde. Die kleine Wohnung hat eine große offene Küche mit Livingroom inklusive Billardtisch und zwei Schlafzimmer. Wir gehen über das Grundstück, die Zufahrtswege sind von meterhohen Bäumen gesäumt, und auf der gegenüberliegenden Seite gibt es noch einen kleinen Naturteich. Die Grundstücke rund um Ken und Darleens Haus hat die kanadische Naturschutzorganisation „Ducks unlimited“ gekauft um den Lebensraum von Enten zu schützen. Daher leben die beiden nicht nur wunderschön abgelegen am See, sondern sind auch noch umgeben von einem Naturschutzgebiet. Keine Nachbarn, keine Straße, kein Lärm. Es ist ein Paradies. Das wohl schönste ist der riesige Garten, in dem die beiden – eigentlich bis vor ihrer Krankheit hauptsächlich Darleen – so viel Obst und Gemüse anbauen, dass sie den ganzen Sommer über autark leben können und nur im Winter frische Sachen, die nicht eingefroren werden können, zukaufen müssen. Es ist herrlich: auf den Beeten wachsen Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Kartoffeln, Spinat, Himbeeren, Goji-Beeren, Salate, Zucchini, Kürbisse, Erdbeeren, Kohlrabi und und und. Im angrenzenden Gewächshaus duftet der Basilikum und direkt an der Terrasse des großen Wohnhauses wachsen Kräuter in einem eigenen kleinen Kräutergarten. 

Das Essen ist dementsprechend saisonal und bio, denn chemische Pestizide werden nicht verwendet. Es schmeckt uns so so gut. Allein die Zucchiniernte, die wir an den ersten Tagen aus dem Garten holen, ist so groß, dass die Kücheninsel nicht breit genug ist, um alle darauf zu stapeln. Dann zeigt uns Ken nochmal in aller Ausführlichkeit und mit Stolz das eigentliche Wohnhaus: Auch hier wird alles energieneutral geheizt, der Boden besteht aus Kork und das wunderschöne Geländer zum oberen Stockwerk ist aus eigenhändig gebeizten Birkenstämmen gebaut, ein Unikat. Es steckt so viel Herzblut in diesem Haus. Neben der großen Küche und einem offenen Wohnbereich gibt es noch einen lichtdurchfluteten Saloon, indem auf einem großen Gitter Goji-Beeren in der Sonne trocknen. Es gibt mehrere Schlafzimmer und ein Büro, dessen Wand man zum Bett ausklappen kann und in dem wir schlafen. Während wir durch die 800qm schlappen, wird uns immer klarer, was wir hier eigentlich sehen: Den Lebenstraum zweier Menschen, die so viel gegeben haben, um ihrer Lebensphilosophie nach die restlichen Jahre ihres Lebens zu verbringen.

Während der vier Tage, an denen wir mit den dreien (Shirley ist vorübergehend eingezogen, um Darleen zu unterstützen) zusammenwohnen, haben wir wunderbare Gespräche, auch wenn wir Darleen nur selten sehen, viel zu erschöpft ist sie von der letzten Krebsbehandlung. Wir putzen das Haus und räumen das Grundstück auf für die potenziellen Käufer, die in einigen Tagen vorbeikommen. Wieder einmal bricht es uns das Herz, zu sehen, wie schwer es Ken fällt, ein Lächeln auf den Lippen zu behalten. Zu schwer ist die Last, dass der Lebenstraum, für den sie solange gekämpft haben, nun in andere Hände fällt. Daher ist es Ken auch sehr wichtig, dass die zukünftigen Käufer dieselbe Philosophie vertreten wie er und Darleen. Die Käufer, die schließlich am Sonntag kommen, scheinen genau das zu erfüllen – sie sind aber auch nicht die ersten, die sich das Haus anschauen. Während Ken den vieren eine mehrere stundenlange Haus- und Hofführung gibt, ziehen wir uns zurück. Am Abend, es ist zugleich der letzte für uns, bevor wir weitermüssen, sitzen wir nochmal alle zusammen am Esstisch und reden über die potenziellen Käufer. Ken hat ein gutes Gefühl, und vielleicht macht es die Traurigkeit, die alles andere überlagert, ein kleines bisschen weniger schwer. Zu wissen, dass man seinen Lebenstraum in die richtigen Hände gibt, an Leute, die ihn so weiterführen werden wie man selbst und in Ehren halten, weil sie die ganze Arbeit, die darin steckt, sehen und wertschätzen. Auch wenn die eigene Zukunft gleichzeitig so furchtbar ungewiss ist. 

Als wir uns am nächsten Tag verabschieden, haben wir beide einen dicken Kloß im Hals. Das hier ist nicht fair. Das hier sollte nicht passieren, niemanden und schon gar nicht Menschen, die versuchen, alles richtig zu machen: Ihren ökologischen Fußabdruck so unsichtbar wie möglich zu halten, vegan zu leben, für den eigenen Körper und Geist mit Meditation und Yoga zu sorgen, der Erde und den darauf lebenden Geschöpfen, egal ob Mensch oder Tier, mit Wärme, Gastfreundschaft und offenen Herzen zu begegnen. Als wir uns umarmen, kann ich mich gerade noch rechtzeitig umdrehen, damit keiner der beiden meine Tränen bemerkt. Es bricht uns beiden das Herz, diese beiden wundervollen Menschen zu verlassen. Wir sind traurig und zugleich dankbar, dass wir Ken und Darleen kennenlernen konnten und zumindest ein bisschen von all der Liebe, die uns geschenkt wurde, zurückgeben konnten. Auf dem Weg Richtung Süd-Osten hängen wir beide lange unseren Gedanken nach. 

Worst workaway ever

Gott sei Dank ist das, was jetzt kommt, schon ein paar Wochen her und wir haben mittlerweile nicht nur die Provinz gewechselt, sondern sind seit ein paar Tagen auch bei einer neuen Farm untergekommen. Trotzdem wollte ich euch folgende Geschichte nicht vorenthalten – denn sie zeigt, dass man manchmal auf Reisen (wie im Leben allgemein) mächtig ins Klo greift.


Ich biege zu schnell in die Schotterstraße ab. Elliott surft ein wenig, zu viel Kies liegt auf der Straße. Wir halten, ich mache den verabredeten Anruf bei Brigitte. Auf ihrer Farm plane ich für die nächsten drei Wochen zu bleiben. Das zweite workaway, aber dieses Mal nur ich, ein bisschen Pause für unsere in letzter Zeit etwas strapazierte Beziehung. Und vor allem: Endlich, endlich reiten und mit Pferden arbeiten. Von denen sollen sich auf der Farm, die ein Sanctuary für alle möglichen geretteten Tiere ist, wohl so einige tummeln. Ich freue mich. Keine Lust mehr nach 2 Monaten auf Bäume ausgraben. Daher hab ich beschlossen, eine Woche vor Saisonende zu kündigen und den Süden Albertas zu erkunden – am besten natürlich per Pferdes. 

Brigitte kommt uns mit einer weißen Familienkutsche entgegen. Wir reden kurz, sie scheint sehr nett, bevor sie uns zu ihrer Farm lotst. Die Schotterstraße führt uns 12 km rein in die Wildnis, weg vom Highway. Andere Farmen liegen verstreut auf dem Weg, doch der nachbarschaftliche Abstand scheint jeweils einige Kilometer zu betragen. Elliott kommt fast nicht hinterher und ich hab Mühe, das weiße Auto in der riesigen Staubwolke zu erkennen. Wir biegen auf ein traumhaftes Grundstück ab: Weite Wiesen gespickt mit bunten Tupfen aller möglicher Wildblumen, der Weg ist gesäumt von Fichten und im Hintergrund schmiegen sich die Ausläufer der Rockies als natürliche Grenzen an das Grundstück. Wie schön. Paradies. Pure Natur, kein Straßenlärm, keine anderen Menschen. Als wir am Haus ankommen, zeigt sich uns eher eine kleine Miniatur-Westernstadt. Fast ein Dutzend kleiner Hütten, Schuppen und Cabins versammelt sich auf der Wiese um einen kleinen Teich und im Mittelpunkt ist ein waschechter Saloon – wie man ihn aus einem Western kennt. Das Haus von Brigitte und ihrem Ehemann Al ist etwas separiert, mit eigenem Zaun und Garten. Daneben stehen Pferde, Lamas und Alpakas auf der Weide. Fünf Esel und ein kleines Shetlandpony grasen vor dem Saloon, der sich als Wohnzimmer und Küche für die Workawayer rausstellt und auch meine Herberge – einen winzigen Raum mit zwei Doppelstockbetten – einschließt. 

Wir sitzen im Garten, trinken Kaffee und quatschen. Es ist angenehm, mal wieder auf Deutsch zu reden, auch wenn ich nicht davon ausgegangen bin, dass wir das hier großartig tun werden. Ich wusste zwar, dass Brigitte Deutsche ist, bin aber aufgrund seines Namens davon ausgegangen, dass Al Kanadier sei. Naja, wohl nicht richtig zuvor gelesen. Mit mir zusammen leben und arbeiten zwei slowenische Traveller, die ich jedoch in der Zeit unseres Kaffeeklatsches nicht sehe. Sie werden aber auch nicht dazugebeten. Wir kriegen eine Führung über die Farm und Chrissi wird eingeladen, über Nacht zu bleiben, damit er die 300 km nach Sundre, wo er noch eine Woche Bäume ausgraben wird, nicht am selben Tag zurückfahren muss. Wir treffen Sandra und Andrej, die beiden Slowenier und verstehen uns auf Anhieb gut. Unsere Hosts ziehen sich schnell zurück und wir verbringen den Abend zu viert erzählend und Geschichten austauschend. Die beiden haben schon 13 Workaways gemacht und wahnsinnig spannende Geschichten über fast jede Provinz und beinah jedes Territory parat. Allerdings macht sich schon an diesem ersten Abend der Eindruck breit, dass sich die beiden bei Al und Brigitte nicht allzu wohl fühlen. 

Als ich Chrissi am nächsten Tag verabschiede, habe ich ein etwas flaues Gefühl. Aber die Vorfreude über meine Hauptaufgabe, für die ich auch durchaus explizit eingeladen worden bin, überwiegt – noch. Trail Riding in den Rocky Mountains, was kann es Schöneres geben? Mir fällt spontan nicht viel ein, auch wenn ich zugleich Respekt vor der Aufgabe habe, Pferde zu trainieren. Schließlich sind meine Skills nach über zehn Jahren mehr als eingestaubt. Aber das ist nichts, was sich nicht mit ein paar Übungsstunden auf dem Reitplatz wieder „entstauben“ lassen würde. Die nächsten Tage machen wir aber erstmal nichts, denn es ist Wochenende und am Wochenende wird nicht gearbeitet. Da ich reiten nicht als Arbeit verstehe, sondern gerade an diesem Ort als etwas, für das andere Menschen viel Geld zahlen würden, bin ich zu erst etwas enttäuscht. Als es dann aber wie aus Kübeln zu schütten beginnt, bin ich doch ganz froh, über die verordnete „Zwangspause“. Der Regen hört auch in den nächsten Tagen nicht auf und so verbringen wir das gesamte Wochenende zu dritt im Saloon und schauen mindestens ein dutzend Filme auf Videokassette (ja, wirklich – die stehen zu hunderten auf den Regalen). So schnell dürfte uns also nicht langweilig werden. Sollte es auch nicht, denn zu Beginn der Woche wechselt sich der Regen mit Sturm ab. Wir sollen trotz orkanartiger Böen arbeiten, aber wir sind eigentlich ganz froh über die Ablenkung nach dem VHS-Binge-Watch-Wochenende. Über die Sinnhaftigkeit der Arbeiten lässt sich jedoch streiten – oder weshalb sollte man bei Sturm Unkrautjäten oder Bäume einpflanzen? Es dauert nicht lang, und mit der nächsten Böe liegt die Schubkarre voller Unkraut über dem sauber geharkten Beet. Die kleinen Bäume müssen mit mehreren Seilen festgespannt werden, damit der Wind sie nicht aus dem Boden reißt. Klar, man könnte auch die zwei Tage abwarten, bis der Sturm abflauen soll, aber naja. Wir schütteln den Kopf über die Arbeiten, machen sie aber natürlich dennoch. Schließlich sind wir ja auch da, um zu helfen. 

Wir arbeiten 5 Stunden jeden Tag, was auch das Maximum bei einer Arbeit gegen Kost und Logie sein sollte. Diese beiden Sachen – also unsere Bezahlung sozusagen – lassen aber zu wünschen übrig. Die Cabins und die Küche sind verdreckt und es gibt nicht nur sehr billiges Essen wie Unmengen an Toast, sondern auch sehr wenig davon. Von dem vielbeschworenen und auch oft erlebten Gemeinschaftsgefühl auf Farmstays verspüren wir wenig. Zwar verbringen Sandra, Andrej und ich jede freie Minute zusammen, die Hosts sehen wir jedoch immer nur für wenige Augenblicke am Tag. Ist die Arbeit getan, sind wir unter uns. Sicherlich spielt auch Covid eine verständliche Rolle, jedoch macht sich bei uns allen nach ein paar Tagen das Gefühl breit, dass wir hier nicht so wirklich gewollt sind. Uns ist oft langweilig und wir verbringen jeden Abend vor dem Fernseher. Alternativ gibt es aber auch nicht viel zu tun. Ich frage mich, ob ich es wieder überlesen habe, oder ob sie es nicht auf ihrem Workaway-Profil geschrieben haben – jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass die Farm so Off-Grid ist. Immerhin haben sie seit vier Jahren Strom und zumindest im Haupthaus und im Duschhäuschen gibt es fließend Wasser. In unsere Küche müssen wir die 30 Liter Kanister jedoch selbst schleppen, als Toiletten gibt es nur zwei ziemlich stinkende Plumpsklos. Das stört allerdings nicht so sehr, wie das nicht vorhandene Internet – denn eigentlich wollte ich in meiner freien Zeit ein wenig für meinen deutschen Job arbeiten. Daraus wird aber nichts und so macht sich neben der Langeweile auch zunehmend ein wenig Unmut breit. Wir haben das Gefühl, dass wir ausschließlich nur zum arbeiten da sind. Auch der Umgangston ist eher harsch. Mit mir wird ausschließlich Deutsch geredet, mit den anderen beiden Englisch. Nach knapp einer Woche überlege ich das erste Mal, ob ich hier wirklich bleiben möchte. Zwar mag ich die Slowenen gerne, aber die Arbeit ist eintönig und die Pferde habe ich bis jetzt nur von Weitem auf der Koppel gesehen und außerdem verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass wir hier nicht gewollt sind. Bei unseren wenigen Gesprächen gibt Brigitte seltsame Äußerungen ab und meine Lust, mich mit ihr zu unterhalten, sinkt nach der Aussage und der scheinbar allseits beliebten Verschwörungstheorie, Bill Gates hätte Corona auf die Welt gebracht, um noch reicher zu werden, auf den Tiefpunkt. Auf der anderen Seite habe ich aber auch nette Gespräche mit ihr. Und auch das Grundstück entfaltet, als sich schließlich endlich das Wetter bessert, seinen Zauber: Umgrenzt von Wildblumenwiesen, die Rockies vor der Nase und umhüllt von einer nur durch Vogelgezwitscher oder Hundebellen unterbrochenen Ruhe, ist es wirklich ein kleines Paradies. Wir erkunden die Ranch, finden einen alten Schulbus, der an Into the Wild erinnert und sitzen in einem Tippi ohne Dach. Ein kleiner Bach schlängelt sich durch das Grundstück, an den ich mit dem Shetlandpony Teddy spazieren gehe. Und auch wenn wir uns wünschen würden, dass sich unsere Hosts mehr für uns interessieren, beschließen wir drei, das Beste aus den verbleibenden zwei Wochen zu machen – trotz der nicht besten Vibes und zum Teil wirklich ekligen Arbeiten wie Müllsortieren oder eine neue/alte Grube für das Plumpsklo zu graben, während es die ganze Zeit durchdringend nach Scheiße riecht. 

Christie, die zahme Waschbärdame auf der Farm konnte man sogar streicheln. War aber auch ein ziemliches Biest.

Doch aus unseren guten Vorsätzen wird nichts. Am nächsten Samstag kommen Brigitte und Al zum Saloon, um mit den beiden Slowenen zu reden. Auf die Frage, ob es denn ein Privatgespräch sei oder ich auch dabei sein soll, wird mir gesagt, dass es generell um den Aufenthalt auf der Farm geht. Also bleibe ich – was sich ziemlich schnell als äußerst unangenehm rausstellt. Sandra und Andrej wird gesagt, dass ihr Farmaufenthalt nicht verlängert wird. Weder sie noch ich verstehen das im ersten Moment, denn wir wollten so oder so ja maximal drei Wochen bleiben. Auf Nachfrage stellt sich dann aber schnell heraus, dass unsere Hosts kurzen Prozess machen wollen und die beiden rausschmeißen –  noch am selben Tag sollen sie die Farm verlassen. Die Begründung? Absolut fadenscheiniger Bullshit, der mich sauer macht und Sandra die Tränen in die Augen treibt. Wir sind geschockt, mit so etwas hat keiner von uns gerechnet. Zu mir wurde nichts gesagt, aber die Botschaft ist deutlich: Zum arbeiten seit ihr gut genug, aber sobald ihr euch nicht so verhaltet, wir wir das wollen, schmeißen wir euch raus. Absolut unverständlich und sauer macht mich die Antwort auf die Frage, ob die beiden wenigstens noch eine Nacht länger bleiben können, um die nächsten Schritte zu planen. Das müsse man sich erst einmal überlegen. Die Hosts wirken herzlos und kalt. Ich weiß nicht, ob ich noch länger bleiben will. Ja, es hat Vorfälle gegeben, durch die ich die Entscheidung zum kleinen Teil nachvollziehen kann. Dennoch rechtfertigt nichts dieses Verhalten.

Nach langem Überlegen suche ich abends das Gespräch mit den beiden Hosts. Zwar bekomme ich mehr als deutlich vermittelt, dass ich ja nicht zu viel ihrer wertvollen Zeit verschwenden soll – doch das kümmert mich nicht, denn ich will schließlich wissen, wie es für mich weitergeht und ob wir überhaupt noch was mit den Pferden machen, wenn sich nach der Abreise der anderen beiden die Prioritäten der Farmarbeit womöglich verschieben. Was ich dann erlebe, sprengt meine wildesten Vorstellungen. Die beiden fühlen sich super durch meine Kritik, die ich sehr wohl an der Art des Rausschmisses der anderen übe, angegriffen. Obwohl ich nur reden wollte, befinde ich mich innerhalb von Minuten in einem Streitgespräch, werde persönlich beschimpft und beleidigt. Ich ziehe die Reißleine, sage, dass ich die Farm ebenfalls verlassen werde. Ich bin geschockt und enttäuscht, wie man sich so in Menschen täuschen kann. Zwar hatte ich relativ schnell ein komisches Gefühl, aber nie hätte ich gedacht, dass ein Gespräch (zwischen immer noch Fremden) so derartig ausarten kann. Doch gerade Al, der mich als dumm und Depp beschimpft, macht mir meine Entscheidung sehr leicht – denn sowas muss ich mir nicht geben. Ich verlasse ihr Grundstück und gehe zurück zum Saloon. Hinter einem Schuppen zünde ich mir eine Zigarette an – und heule. Sowas ist mir noch nie passiert, ich bin verletzt und frage mich zu gleich, was ich falsch gemacht habe. 

Sandra und Andrej schauen mich erwartungsvoll an und wissen Bescheid, als sie mein Gesicht sehen. Da sie – bzw. wir – doch noch einen Aufschub bekommen hatten, packen wir am nächsten Tag unsere Sachen, stopfen sie und uns mit in das kleine Auto hinein – und flüchten von dieser Farm, die uns so gar kein Glück gebracht hat und auf der die Besitzer lieber weiterhin in völliger Isolation leben sollten, statt Fremde zu sich einzuladen – denn mit Gastfreundschaft und der Idee von Workaway hat das rein gar nichts zu tun. 


Vielleicht fragt sich wer, weshalb ich diese unschöne Geschichte so in aller Breite erzähle. Für mich ist das so: Ich möchte offen und ehrlich sein – denn es ist eben nicht alles immer schön auf und am Reisen. Man erlebt nicht immer nur tolle Momente, sieht atemberaubende Landschaften und trifft interessante und herzliche Menschen. Scheitern (wenn man es so nennen mag) gehört auch auf Reisen dazu – vielleicht weil man an sich scheitert oder wie in diesem Fall, einfach einen Griff ins Klo macht und Menschen trifft, von denen man sich im Nachhinein wünscht, man hätte sie nie getroffen. Auf Reisen passieren eben neben all den tollen Erlebnissen auch eher nicht so schöne Dinge – und davon wahrscheinlich nicht mal wenige. Des Pudels Kern ist nur, wie man damit umgeht. Was man mitnimmt, was man annimmt – und was nicht. Erwartungen und Vorstellungen erfüllen sich nicht immer. Um mit Rückschlägen umzugehen, braucht es eine gewisse geistige Flexibilität. Entweder, sich an die gegebenen Umstände anzupassen und das Beste draus zu machen und beim nächsten Mal eventuell die eigenen Erwartungen etwas runterzuschrauben. Oder aber, wie es mir hier passiert ist, die Reißleine zu ziehen, anderen Menschen seine persönlichen Grenzen eindeutig aufzuzeigen und die Situation abzubrechen. Denn auch das ist eine Erfahrung, die man auf Reisen mitnimmt. Und dafür sind wir ja schließlich auf Reisen: Um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen.  

Wie man Alpakas die Fußnägel schneidet

Unsere erste workaway-erfahrung

Nachdem sich unsere Zeit auf Vancouver Island dem Ende neigt, buchen wir die Fähre zurück aufs Festland. Ein neues Abenteuer steht an: Uns zieht es zurück ins Okanagan Valley, an den großen langgezogenen See, an dem wir schon unsere Weihnachtsfeiertage verbrachten. Dass dieser Ort noch zu einem Mittelpunkt unserer Reise werden wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Ganz im Norden des Okanagan Valleys liegt das kleine Örtchen Enderby. Oberhalb von Enderby schlängelt sich eine kleine Schotterstraße enge Serpentinen hinauf. Elliott kämpft ganz schön, wir müssen einen Gang runterschalten. Spät abends kommen wir schließlich Ende Januar an: Eine kleine Farm umsäumt von schneebedeckten Wiesen ist für die nächsten Wochen unser neues Zuhause. Wir tauschen Vanlife gegen Farmlife. Gastgeberin unseres ersten farmstays, das wir über die Plattform Workaway gefunden haben, ist Ilona: klein, drahtig und voller Energie. Mit ihr zusammen wohnen Schäferhund Jocko, die Kater Felix, Fritz und Oscar sowie die beiden Alpakas Daisy und Fiona, die Mini-Eseldamen Rosie und Holly und der Paso Fino Hengst Festival – das zweite Pferd Bella ist auf Kur in einer anderen Provinz. Herzlich werden wir von den beiden anderen Workawayern begrüßt, extra für uns gibt es vegane Pasta. Wir erzählen, trinken Wein und fühlen uns sofort wie zu Hause. Die beiden anderen Workawayer reisen in den nächsten Tagen ab – und Ilona ist darüber wohl ganz froh. Hat nicht so richtig geklappt mit dem Australier, der mit den Tonnen an Schnee wohl etwas überfordert war – kann man ihm auch nicht verübeln.

Alles ist weiß, der Schnee legt meterhoch in diesen Tagen und die Sonne lässt sich nur selten blicken. Morgens stehen wir gegen sieben Uhr auf, nach einer Tasse starken Kaffees geht es erst einmal raus auf die Koppel. Zum Frühstück gibts für alle großen Vierbeiner einen Batzen Heu. Während Pferd, Esel und Alpakas fressen, misten wir den Stall aus und sammeln die Hinterlassenschaften des Hundes vom ziemlich weitläufigen Grundstück auf. Danach erstmal wieder rein, wir sind durchgefroren und haben Hunger. Frühstück, noch mehr Kaffee und dann wollen natürlich Jocko und die Katzen auch nicht vergessen werden. Für die gibts aber nicht nur was zu fressen, denn Jocko und Oscar bekommen zusätzlich noch ihre Medikamente – schnell wird uns klar, dass Ilona und ihre Tiere eine ganz besondere Beziehung zueinander haben. Jocko kann keine Tränenflüssigkeit bilden, stattdessen läuft ihm beim Fressen der Speichel – aus dem Auge. Der Hund bekommt daher mehrmals täglich Augentropfen. Oscar, der älteste Kater hat wiederum Asthma – er muss nach dem Frühstück erstmal ans Inhaliergerät. Wie man eine Katze dazu bringt, zu inhalieren, ist mir ein Rätsel und bis heute frage ich mich, welche Tricks Ilona anwenden musste, um ihre Tiere so gut zu trainieren. Es ist schon was Besonderes, denn eins ist klar: Die meisten Tierbesitzer würden ihre Vierbeiner wohl einschläfern lassen (müssen), statt Unmengen an Geld für Training und Medikamente auszugeben.

Unser Tagesablauf auf der Farm ähnelt sich jeden Tag: Nach dem frühmorgendlichen Füttern haben wir frei. So erkunden wir in den nächsten Tagen die Umgebung, essen den besten Kuchen der Region im nahegelegenen Salmon Arm, machen Spaziergänge mit Jocko, spielen mit den Katzen. Ilona ist viel beschäftigt und wir versuchen ihr so viel Arbeit abzunehmen wie möglich. Nachmittags nochmal eine Fütterrunde, Kochen und Staubsagen – das ist unsere ganze Arbeit. Es ist warm und ruhig und genau das haben wir nach den letzten Wochen, die nicht immer einfach für uns beide waren, gebraucht. Anzukommen, raus aus dem kalten engen Van. Vanlife im Winter steht dann doch einfach nochmal auf einem anderen Blatt. Jetzt können wir uns nach der Enge der letzten Wochen etwas aus dem Weg gehen. Und ja, wir sind da offen: Das haben wir beide gebraucht.

Die Tage vergehen, wir machen Ausflüge mit Ilona, trinken Wein mit ihren Nachbarn und ich stehe zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder auf Skiern: Langlauf durch verschneite Wälder, es ist herrlich. Auch Chrissi, der vorher noch nie Skier an den Füßen hatte, hat ziemlich schnell den Dreh raus. Und wenn der Berg doch zu steil ist, kann man notfalls auch mit Hintern oder Gesicht bremsen. Unterwegs in den Wäldern entdecken wir in einer zauberhaften Lichtung eine Gruppe von Menschen, die gerade ein Dobbel-Iglu mit Verbindungsgang bauen. Sie laden uns ein ihr Werk von innen zu bestaunen und wir halten ein kleines Schwätzchen. Abends gibt’s heiße Schoki und warmes Katzenfell zum kraulen. Ilona und ich besuchen ein kanadisches Filmfestival und sehen einen ziemlich schlechten Sherlock Holmes Film. Größeres Projekt wird in den nächsten Wochen Ilonas Garage: Die muss ausgeräumt werden, weil Ilona sie zu einer Suite für ihre Workawayer umbauen will – mit Dusche, Küchenzeile und Schlafzimmer. Während wir tagelang die Garage ausräumen und alten Kram sortieren, fragen wir uns schon, wie ein einziger Mensch so viel Kram horten kann. Als wir weintrinkend durch alte Fotoalben und Sachen ihrer verstorbenen Mum stöbern, wird mir bewusst, wie belastend es sein kann, wenn man nicht nur das eigene Leben, sondern auch noch das eines anderen Menschen jahrzehntelang mit sich herumschleppt. Ilona sitzt bis weit nach Mitternacht in Stapeln alter Fotos, Aufzeichungen und Briefe. Am Morgen danach, als das Chaos beseitigt ist und nur noch acht schwarze Müllsäcke von der Arbeit der letzten Tage übrig sind, sagt sie mir, dass sie das niemals ohne uns geschafft hätte. Und ich fühle mich, als hätte ich ein paar Schritte zu viel in das Leben eines anderen Menschen gemacht.

Ein paar Wochen später entschließen wir uns, Langlaufskier gegen Abfahrtskier einzutauschen. Ich selbst bin bisher nur zweimal Abfahrt gefahren, Chrissi als Snowboarder gar nicht. Das Local Special im örtlichen Skigebiet erlaubt uns eine Skistunde inklusive Ausrüstung für gerade einmal 40 CAD zu nehmen und wir nutzen unsere Chance. Unser holländischer Skilehrer ist ein Herz und ich bin ein bisschen neidisch auf sein perfektes Englisch. Schneller als gedacht habe ich den Dreh raus und kurve im Slalom den Anfängerhügel runter. Chrissi hat da dann doch etwas mehr Schwierigkeiten und ich verkneife mir nur deswegen nicht das Lachen, weil er mich sowieso nicht hört.

Eines Morgens erhält Christopher von Ilona eine besondere Aufgabe: Er muss ran an die Alpakas, Zehennägel schneiden. Die sind nämlich ziemlich lang geworden über den Winter und wie beim Menschen auch, muss da halt mal die Nagelschere ran. Die aber eher aussieht wie eine Heckenschere. Der Alpaka-Mann kommt vorbei und gemeinsam gehen wir zu viert zu unseren Opfern. Die sind natürlich so gar nicht amused, lassen sich aber zumindest die Halfter über die Köpfe ziehen. Während Fiona alles über sich ergehen lässt, haben Chrissi und der Alpaka-Mann mit Daisy ziemlich zu kämpfen und es sieht zugegebenermaßen etwas brutal aus, wie die beiden Männer das Tier in eine Ecke drücken, um die Fußnägel schneiden zu können – aber wer will schon selbst einen Hufabdruck auf der Stirn haben? Denn so ganz ohne sind die Tiere nicht, sie haben mit ihren 120 Kilogramm weit mehr Kraft als gedacht. Irgendwann ist es geschafft und die beiden Alpakadamen stieren uns pissig an. „You thought you did enough weird chores? See, now you can add cutting alpaca feet, too“ sagt Ilona und lacht.

Der Winter endet nicht, immer wieder müssen wir mit dem Quad den Schnee schieben. Frühling ist nicht in Sicht. Wir beschließen, unseren Aufenthalt um zwei weitere Wochen zu verlängern – unsere Lust, zurück in die Enge des Vans zu ziehen, hält sich noch in Grenzen. Zugleich beginnen die Tage, sich immer mehr zu ähneln und manchmal gibt es Momente, in denen wir drei uns gehörig auf die Nerven gehen. Umso entspannter ist unsere letzte Woche auf Ilonas Farm, in der wir allein sind und dieses neu gewonnene Sturmfrei ziemlich genießen. Es hatte dann doch mehr als einen Grund, warum wir vor Jahren bei unseren Eltern ausgezogen sind – und uns nicht danach sehnen, dass Ilona die Mutterrolle für uns einnimmt. Nichtsdestotrotz ist der Abschied schmerzhaft, als es Anfang März weitergeht. Das nächste Abenteuer ist geplant und unsere Sachen gepackt. Elliott hat in den letzten Tagen noch ein Makeover bekommen: frische Farbe, dicke Schafsfelle und Bilder an der Wand machen sie jetzt zu einem ziemlich gemütlichen Zuhause. Wir freuen uns, dass es weiter geht, denn wir merken – es ist Zeit zu gehen. Wasserkanister auffüllen, Eselohren nochmal kraulen, ein Abschiedsfoto mit Ilona. Dann steigen wir an diesem sonnigen Tag Anfang März in den Bus. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter – wie ich Abschiede hasse. Ich trete aufs Gaspedal, Elliott spuckt hustend schwarzen Qualm aus dem Auspuff, wir winken und fahren los – in Richtung Yukon.