Worst workaway ever

Gott sei Dank ist das, was jetzt kommt, schon ein paar Wochen her und wir haben mittlerweile nicht nur die Provinz gewechselt, sondern sind seit ein paar Tagen auch bei einer neuen Farm untergekommen. Trotzdem wollte ich euch folgende Geschichte nicht vorenthalten – denn sie zeigt, dass man manchmal auf Reisen (wie im Leben allgemein) mächtig ins Klo greift.


Ich biege zu schnell in die Schotterstraße ab. Elliott surft ein wenig, zu viel Kies liegt auf der Straße. Wir halten, ich mache den verabredeten Anruf bei Brigitte. Auf ihrer Farm plane ich für die nächsten drei Wochen zu bleiben. Das zweite workaway, aber dieses Mal nur ich, ein bisschen Pause für unsere in letzter Zeit etwas strapazierte Beziehung. Und vor allem: Endlich, endlich reiten und mit Pferden arbeiten. Von denen sollen sich auf der Farm, die ein Sanctuary für alle möglichen geretteten Tiere ist, wohl so einige tummeln. Ich freue mich. Keine Lust mehr nach 2 Monaten auf Bäume ausgraben. Daher hab ich beschlossen, eine Woche vor Saisonende zu kündigen und den Süden Albertas zu erkunden – am besten natürlich per Pferdes. 

Brigitte kommt uns mit einer weißen Familienkutsche entgegen. Wir reden kurz, sie scheint sehr nett, bevor sie uns zu ihrer Farm lotst. Die Schotterstraße führt uns 12 km rein in die Wildnis, weg vom Highway. Andere Farmen liegen verstreut auf dem Weg, doch der nachbarschaftliche Abstand scheint jeweils einige Kilometer zu betragen. Elliott kommt fast nicht hinterher und ich hab Mühe, das weiße Auto in der riesigen Staubwolke zu erkennen. Wir biegen auf ein traumhaftes Grundstück ab: Weite Wiesen gespickt mit bunten Tupfen aller möglicher Wildblumen, der Weg ist gesäumt von Fichten und im Hintergrund schmiegen sich die Ausläufer der Rockies als natürliche Grenzen an das Grundstück. Wie schön. Paradies. Pure Natur, kein Straßenlärm, keine anderen Menschen. Als wir am Haus ankommen, zeigt sich uns eher eine kleine Miniatur-Westernstadt. Fast ein Dutzend kleiner Hütten, Schuppen und Cabins versammelt sich auf der Wiese um einen kleinen Teich und im Mittelpunkt ist ein waschechter Saloon – wie man ihn aus einem Western kennt. Das Haus von Brigitte und ihrem Ehemann Al ist etwas separiert, mit eigenem Zaun und Garten. Daneben stehen Pferde, Lamas und Alpakas auf der Weide. Fünf Esel und ein kleines Shetlandpony grasen vor dem Saloon, der sich als Wohnzimmer und Küche für die Workawayer rausstellt und auch meine Herberge – einen winzigen Raum mit zwei Doppelstockbetten – einschließt. 

Wir sitzen im Garten, trinken Kaffee und quatschen. Es ist angenehm, mal wieder auf Deutsch zu reden, auch wenn ich nicht davon ausgegangen bin, dass wir das hier großartig tun werden. Ich wusste zwar, dass Brigitte Deutsche ist, bin aber aufgrund seines Namens davon ausgegangen, dass Al Kanadier sei. Naja, wohl nicht richtig zuvor gelesen. Mit mir zusammen leben und arbeiten zwei slowenische Traveller, die ich jedoch in der Zeit unseres Kaffeeklatsches nicht sehe. Sie werden aber auch nicht dazugebeten. Wir kriegen eine Führung über die Farm und Chrissi wird eingeladen, über Nacht zu bleiben, damit er die 300 km nach Sundre, wo er noch eine Woche Bäume ausgraben wird, nicht am selben Tag zurückfahren muss. Wir treffen Sandra und Andrej, die beiden Slowenier und verstehen uns auf Anhieb gut. Unsere Hosts ziehen sich schnell zurück und wir verbringen den Abend zu viert erzählend und Geschichten austauschend. Die beiden haben schon 13 Workaways gemacht und wahnsinnig spannende Geschichten über fast jede Provinz und beinah jedes Territory parat. Allerdings macht sich schon an diesem ersten Abend der Eindruck breit, dass sich die beiden bei Al und Brigitte nicht allzu wohl fühlen. 

Als ich Chrissi am nächsten Tag verabschiede, habe ich ein etwas flaues Gefühl. Aber die Vorfreude über meine Hauptaufgabe, für die ich auch durchaus explizit eingeladen worden bin, überwiegt – noch. Trail Riding in den Rocky Mountains, was kann es Schöneres geben? Mir fällt spontan nicht viel ein, auch wenn ich zugleich Respekt vor der Aufgabe habe, Pferde zu trainieren. Schließlich sind meine Skills nach über zehn Jahren mehr als eingestaubt. Aber das ist nichts, was sich nicht mit ein paar Übungsstunden auf dem Reitplatz wieder „entstauben“ lassen würde. Die nächsten Tage machen wir aber erstmal nichts, denn es ist Wochenende und am Wochenende wird nicht gearbeitet. Da ich reiten nicht als Arbeit verstehe, sondern gerade an diesem Ort als etwas, für das andere Menschen viel Geld zahlen würden, bin ich zu erst etwas enttäuscht. Als es dann aber wie aus Kübeln zu schütten beginnt, bin ich doch ganz froh, über die verordnete „Zwangspause“. Der Regen hört auch in den nächsten Tagen nicht auf und so verbringen wir das gesamte Wochenende zu dritt im Saloon und schauen mindestens ein dutzend Filme auf Videokassette (ja, wirklich – die stehen zu hunderten auf den Regalen). So schnell dürfte uns also nicht langweilig werden. Sollte es auch nicht, denn zu Beginn der Woche wechselt sich der Regen mit Sturm ab. Wir sollen trotz orkanartiger Böen arbeiten, aber wir sind eigentlich ganz froh über die Ablenkung nach dem VHS-Binge-Watch-Wochenende. Über die Sinnhaftigkeit der Arbeiten lässt sich jedoch streiten – oder weshalb sollte man bei Sturm Unkrautjäten oder Bäume einpflanzen? Es dauert nicht lang, und mit der nächsten Böe liegt die Schubkarre voller Unkraut über dem sauber geharkten Beet. Die kleinen Bäume müssen mit mehreren Seilen festgespannt werden, damit der Wind sie nicht aus dem Boden reißt. Klar, man könnte auch die zwei Tage abwarten, bis der Sturm abflauen soll, aber naja. Wir schütteln den Kopf über die Arbeiten, machen sie aber natürlich dennoch. Schließlich sind wir ja auch da, um zu helfen. 

Wir arbeiten 5 Stunden jeden Tag, was auch das Maximum bei einer Arbeit gegen Kost und Logie sein sollte. Diese beiden Sachen – also unsere Bezahlung sozusagen – lassen aber zu wünschen übrig. Die Cabins und die Küche sind verdreckt und es gibt nicht nur sehr billiges Essen wie Unmengen an Toast, sondern auch sehr wenig davon. Von dem vielbeschworenen und auch oft erlebten Gemeinschaftsgefühl auf Farmstays verspüren wir wenig. Zwar verbringen Sandra, Andrej und ich jede freie Minute zusammen, die Hosts sehen wir jedoch immer nur für wenige Augenblicke am Tag. Ist die Arbeit getan, sind wir unter uns. Sicherlich spielt auch Covid eine verständliche Rolle, jedoch macht sich bei uns allen nach ein paar Tagen das Gefühl breit, dass wir hier nicht so wirklich gewollt sind. Uns ist oft langweilig und wir verbringen jeden Abend vor dem Fernseher. Alternativ gibt es aber auch nicht viel zu tun. Ich frage mich, ob ich es wieder überlesen habe, oder ob sie es nicht auf ihrem Workaway-Profil geschrieben haben – jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass die Farm so Off-Grid ist. Immerhin haben sie seit vier Jahren Strom und zumindest im Haupthaus und im Duschhäuschen gibt es fließend Wasser. In unsere Küche müssen wir die 30 Liter Kanister jedoch selbst schleppen, als Toiletten gibt es nur zwei ziemlich stinkende Plumpsklos. Das stört allerdings nicht so sehr, wie das nicht vorhandene Internet – denn eigentlich wollte ich in meiner freien Zeit ein wenig für meinen deutschen Job arbeiten. Daraus wird aber nichts und so macht sich neben der Langeweile auch zunehmend ein wenig Unmut breit. Wir haben das Gefühl, dass wir ausschließlich nur zum arbeiten da sind. Auch der Umgangston ist eher harsch. Mit mir wird ausschließlich Deutsch geredet, mit den anderen beiden Englisch. Nach knapp einer Woche überlege ich das erste Mal, ob ich hier wirklich bleiben möchte. Zwar mag ich die Slowenen gerne, aber die Arbeit ist eintönig und die Pferde habe ich bis jetzt nur von Weitem auf der Koppel gesehen und außerdem verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass wir hier nicht gewollt sind. Bei unseren wenigen Gesprächen gibt Brigitte seltsame Äußerungen ab und meine Lust, mich mit ihr zu unterhalten, sinkt nach der Aussage und der scheinbar allseits beliebten Verschwörungstheorie, Bill Gates hätte Corona auf die Welt gebracht, um noch reicher zu werden, auf den Tiefpunkt. Auf der anderen Seite habe ich aber auch nette Gespräche mit ihr. Und auch das Grundstück entfaltet, als sich schließlich endlich das Wetter bessert, seinen Zauber: Umgrenzt von Wildblumenwiesen, die Rockies vor der Nase und umhüllt von einer nur durch Vogelgezwitscher oder Hundebellen unterbrochenen Ruhe, ist es wirklich ein kleines Paradies. Wir erkunden die Ranch, finden einen alten Schulbus, der an Into the Wild erinnert und sitzen in einem Tippi ohne Dach. Ein kleiner Bach schlängelt sich durch das Grundstück, an den ich mit dem Shetlandpony Teddy spazieren gehe. Und auch wenn wir uns wünschen würden, dass sich unsere Hosts mehr für uns interessieren, beschließen wir drei, das Beste aus den verbleibenden zwei Wochen zu machen – trotz der nicht besten Vibes und zum Teil wirklich ekligen Arbeiten wie Müllsortieren oder eine neue/alte Grube für das Plumpsklo zu graben, während es die ganze Zeit durchdringend nach Scheiße riecht. 

Christie, die zahme Waschbärdame auf der Farm konnte man sogar streicheln. War aber auch ein ziemliches Biest.

Doch aus unseren guten Vorsätzen wird nichts. Am nächsten Samstag kommen Brigitte und Al zum Saloon, um mit den beiden Slowenen zu reden. Auf die Frage, ob es denn ein Privatgespräch sei oder ich auch dabei sein soll, wird mir gesagt, dass es generell um den Aufenthalt auf der Farm geht. Also bleibe ich – was sich ziemlich schnell als äußerst unangenehm rausstellt. Sandra und Andrej wird gesagt, dass ihr Farmaufenthalt nicht verlängert wird. Weder sie noch ich verstehen das im ersten Moment, denn wir wollten so oder so ja maximal drei Wochen bleiben. Auf Nachfrage stellt sich dann aber schnell heraus, dass unsere Hosts kurzen Prozess machen wollen und die beiden rausschmeißen –  noch am selben Tag sollen sie die Farm verlassen. Die Begründung? Absolut fadenscheiniger Bullshit, der mich sauer macht und Sandra die Tränen in die Augen treibt. Wir sind geschockt, mit so etwas hat keiner von uns gerechnet. Zu mir wurde nichts gesagt, aber die Botschaft ist deutlich: Zum arbeiten seit ihr gut genug, aber sobald ihr euch nicht so verhaltet, wir wir das wollen, schmeißen wir euch raus. Absolut unverständlich und sauer macht mich die Antwort auf die Frage, ob die beiden wenigstens noch eine Nacht länger bleiben können, um die nächsten Schritte zu planen. Das müsse man sich erst einmal überlegen. Die Hosts wirken herzlos und kalt. Ich weiß nicht, ob ich noch länger bleiben will. Ja, es hat Vorfälle gegeben, durch die ich die Entscheidung zum kleinen Teil nachvollziehen kann. Dennoch rechtfertigt nichts dieses Verhalten.

Nach langem Überlegen suche ich abends das Gespräch mit den beiden Hosts. Zwar bekomme ich mehr als deutlich vermittelt, dass ich ja nicht zu viel ihrer wertvollen Zeit verschwenden soll – doch das kümmert mich nicht, denn ich will schließlich wissen, wie es für mich weitergeht und ob wir überhaupt noch was mit den Pferden machen, wenn sich nach der Abreise der anderen beiden die Prioritäten der Farmarbeit womöglich verschieben. Was ich dann erlebe, sprengt meine wildesten Vorstellungen. Die beiden fühlen sich super durch meine Kritik, die ich sehr wohl an der Art des Rausschmisses der anderen übe, angegriffen. Obwohl ich nur reden wollte, befinde ich mich innerhalb von Minuten in einem Streitgespräch, werde persönlich beschimpft und beleidigt. Ich ziehe die Reißleine, sage, dass ich die Farm ebenfalls verlassen werde. Ich bin geschockt und enttäuscht, wie man sich so in Menschen täuschen kann. Zwar hatte ich relativ schnell ein komisches Gefühl, aber nie hätte ich gedacht, dass ein Gespräch (zwischen immer noch Fremden) so derartig ausarten kann. Doch gerade Al, der mich als dumm und Depp beschimpft, macht mir meine Entscheidung sehr leicht – denn sowas muss ich mir nicht geben. Ich verlasse ihr Grundstück und gehe zurück zum Saloon. Hinter einem Schuppen zünde ich mir eine Zigarette an – und heule. Sowas ist mir noch nie passiert, ich bin verletzt und frage mich zu gleich, was ich falsch gemacht habe. 

Sandra und Andrej schauen mich erwartungsvoll an und wissen Bescheid, als sie mein Gesicht sehen. Da sie – bzw. wir – doch noch einen Aufschub bekommen hatten, packen wir am nächsten Tag unsere Sachen, stopfen sie und uns mit in das kleine Auto hinein – und flüchten von dieser Farm, die uns so gar kein Glück gebracht hat und auf der die Besitzer lieber weiterhin in völliger Isolation leben sollten, statt Fremde zu sich einzuladen – denn mit Gastfreundschaft und der Idee von Workaway hat das rein gar nichts zu tun. 


Vielleicht fragt sich wer, weshalb ich diese unschöne Geschichte so in aller Breite erzähle. Für mich ist das so: Ich möchte offen und ehrlich sein – denn es ist eben nicht alles immer schön auf und am Reisen. Man erlebt nicht immer nur tolle Momente, sieht atemberaubende Landschaften und trifft interessante und herzliche Menschen. Scheitern (wenn man es so nennen mag) gehört auch auf Reisen dazu – vielleicht weil man an sich scheitert oder wie in diesem Fall, einfach einen Griff ins Klo macht und Menschen trifft, von denen man sich im Nachhinein wünscht, man hätte sie nie getroffen. Auf Reisen passieren eben neben all den tollen Erlebnissen auch eher nicht so schöne Dinge – und davon wahrscheinlich nicht mal wenige. Des Pudels Kern ist nur, wie man damit umgeht. Was man mitnimmt, was man annimmt – und was nicht. Erwartungen und Vorstellungen erfüllen sich nicht immer. Um mit Rückschlägen umzugehen, braucht es eine gewisse geistige Flexibilität. Entweder, sich an die gegebenen Umstände anzupassen und das Beste draus zu machen und beim nächsten Mal eventuell die eigenen Erwartungen etwas runterzuschrauben. Oder aber, wie es mir hier passiert ist, die Reißleine zu ziehen, anderen Menschen seine persönlichen Grenzen eindeutig aufzuzeigen und die Situation abzubrechen. Denn auch das ist eine Erfahrung, die man auf Reisen mitnimmt. Und dafür sind wir ja schließlich auf Reisen: Um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen.  

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